Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gespiegelt


Vor einigen Wochen kamen neue Teilnehmer in einen meiner Sportkurse am Montag. Drei Freundinnen mit extrem guter Laune, geschätzte Anfang 40. Es war nicht schwer, direkt zur Begrüßung einen ersten Draht zueinander zu finden. Eine war sehr, sehr, sehr schlank, eine war normal, eine war dick. Die dicke Frau war innerhalb dieser kleinen Gruppe die "Wortführerin". Lauteres Organ und eine Menge Scherzchen auf den Lippen. Offen und forsch zugleich. Lustig.

Wenn ich neue Teilnehmer vor mir stehen habe, nutze ich direkt die Gunst des Moments und frage nach, ob irgendwelche gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen (hatte schon fast alles... vom gewöhnlichen Nacken/unteren Rücken oder allgemeiner Unfitness, über "Bandscheibe", vorangegangene Krebserkrankung, Insulinpumpe, Herzschrittmacher, vorangegangenen Herzinfarkten bis hin zu transplantierter Niere - und ja, die machen immer noch Sport!). Das mache ich nicht vor der gesamten Gruppe, denn das ist nicht jedem angenehm. Unter vier Augen redet es sich offener.

Antwort in diesem Fall: Nein!
Bestens.

Ebenso weise ich bei der Gelegenheit darauf hin, dass der bestehende Kurs schon recht lange zusammen trainiert, man schön auf den eigenen Körper hören und für sich selbst entscheiden soll, wann man eine Pause möchte und welche Intensität der Übung man wählt (ich versuche immer, verschiedene "Härtegrade" anzubieten). Mir ist wichtig, dass sie sich a) nicht frustig fühlen, wenn es am Anfang nicht so gut läuft wie bei den anderen, und b) sie sich vor allem nicht komplett überfordern, sondern einfach auch mal z.B. auf der Stelle gehen, wenn es bei der Ausdauer zu viel wird, oder sich kurz zurücklegen und nach einer Pause wieder einsteigen, wenn die persönliche Grenze erreicht ist. Die persönliche Grenze ist eben sehr individuell. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Die Neuen nickten und verteilten sich im Raum. Einer fehlte die Matte und die dicke Frau rannte sofort los und organisierte ihr eine der Turnmatten, die sonst für den Schulsport da sind. Die kann man verwenden, wenn man die eigene Matte vergessen hat, die sind immerhin besser als auf dem blanken  Boden zu liegen. Sie schleifte die schwere Matte für ihre Freundin ruckzuck quer durch den Raum, wollte keine Hilfe.

Wir waren soweit. Die Stunde konnte beginnen.

Derzeit habe ich eine unglaubliche Schwäche für TABATA-Übungen. Sehr intensives Intervalltraining quasi. Muss man sich so vorstellen, dass man ein und dieselbe Übung jeweils 20 sek. lang macht, worauf 10 sek. Pause folgen. Dann wieder 20 sek. Anstrengung, 10 sek. Pause. Das machen wir pro Übung 6 x. Es folgt eine etwas längere Pause (ca. 1 Minute) bevor die nächste Übung mit 6 Durchgängen anschließt.

Junge, Junge, das kann richtig anstrengend werden, je nachdem, welche Übungen man dafür auswählt. Aber ich werde über Tabata separat schreiben, das führt zu weit. Vielleicht wollt ihr es mal ausprobieren? Meine Teilnehmer lieben es jedenfalls, auch wenn ihr euch das vielleicht gerade nicht so richtig vorstellen könnt. Ihr könnt ja googlen.

Jedenfalls waren nach der Tabata-Einheit alle reichlich fertig, da schließe ich mich übrigens nicht aus. Ich glaube, es gibt kaum eine effektivere Art, sofort fürchterlich ins Schwitzen zu kommen und den Puls in Wallung zu bringen...

Mir fiel jedoch bei den Übungen die dicke Frau erstmals auf. Sie hatte meine Ratschläge, es langsam anzugehen, komplett über Bord geworfen, wählte prinzipiell die anstrengendste Übungsversion und versuchte, mit denen, die schon lange im Kurs sind, mitzuhalten. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen übrigens, die sich durchaus abbremsten und die einfachere Version wählten, wenn es ihnen zu anstrengend wurde.

Sie wollte einfach richtig gut sein. Sie wollte nicht als "Dicke, die nix kann" auffallen. Ich überlegte kurz, ob ich sie abbremsen soll, entschied mich aber dagegen, weil ich sie damit erst recht aus ihrer Sicht in das "Zentrum der Kursaufmerksamkeit" gezogen hätte, indem ich zu ihr hingegangen wäre oder ihr etwas zugerufen hätte. Außerdem kam sie mir zuvor, sie musste mittendrin dringend auf ihr Handy gucken, weil ihr Sohn alleine Zuhause war und gab sich auf diese Weise gute 5 min. Pause.

Weiter ging es mit diversen Übungen auf der Matte. Jetzt wechselte ihre Taktik...

Kennt ihr diese Menschen, die ständig und immer Witzchen über sich selbst machen müssen? So war es auch hier, die dicke Frau war Meisterin des Wortgefechts...

"Wenn ich noch länger auf dem Bauch liegen bleibe, ersticke ich."
(Rückenübung in Bauchlage)

"Ich komm nicht hoch, weil mein Bauch mich nach unten zieht"
(Bauchübung in Rückenlage)

"Jetzt ne Tüte Chips auf dem Sofa. Das Leben könnte so schön sein!"
(Weiß nicht mehr in welcher Situation)

"Ich muss ja auch viel mehr Gewicht als ihr oben halten, meine Arme brechen gleich durch!"
(Übung im Armstütz)

"DIESE Übung kann sogar so ein Dickerchen wie ich!"
(Übung für die Beine)

usw.usf

Anfänglich fand ich das recht witzig. Da aber fast jede Übung entsprechend kommentiert wurde, nervte es mich bald richtig. Falsch, ich merkte sogar, dass ich innerlich zu schäumen begann. Mit jedem Satz ein wenig mehr. Nicht gut. Gar nicht gut.

"Herrje, halt doch mal endlich die Klappe und mach einfach. Wenn du was nicht kannst, dann kannst du es eben nicht. Dann mach die einfachere Version und quäl dich nicht selbst mit den harten Sachen. Schließlich kann man auch nicht ewigunddreiTage nix machen und dann meinen, man könnte aus dem Stand zur Olympiade im Bodenturnen antreten. Pfoah, he.", dachte ich.

Gesagt habe ich natürlich nichts.

Wisst ihr, ich habe einige in meinem Kurs, die mit diesem oder jenem Probleme haben. Ich kann mir zwar Namen sehr schlecht merken, aber ich denke, ich kann euch zu den meisten sagen, welche Probleme welche Übungen warum bereiten. Jedenfalls wenn sie schon mehr als nur einmal dabei waren. Ob schlank oder kräftiger, ob älter oder jünger... in der Regel kennen sie ihre Grenzen und üben entsprechend.

Sicherlich auch, weil ich während der Übungen zu der ein oder anderen, die sich schwer tut, hingehe, mich still daneben lege und mit ihr gemeinsam die geeignete Übungsversion aussuche. Wir überlegen kurz und probieren aus, was funktioniert und was eben nicht, und finden die richtige Strategie. Nicht selten stehe ich auch im Anschluss der Stunde in der Halle und wir besprechen das. Und da ich das bei allen früher oder später mache, hat auch niemand ein Problem damit.

Ich ging durch die Halle und wollte mich an die dicke Frau unauffällig heranpirschen. Vielleicht könnte ich sie ein wenig beruhigen? Unauffällig, indem ich zunächst eine Reihe anderer aufsuchte, und sie eben nicht direkt ansprang.

Aber als ich näher an sie heran kam, sah sie mich mit diesem speziellen Blick an.
Dieser Blick, der glasklar sagte: "Sprich mich bloß nicht an, ich tu doch alles, was ich kann. Bittebitte, geh einfach weiter." 

Und ich ging weiter, denn in dem Moment bekam ich fast einen Herzkrampf. Mir war schlagartig klar, dass mir diese dicke Frau ganz fürchterlich bekannt vorkam.

Mein Spiegel.
Ich war wie sie.
Sie war wie ich.
Damals.

Ich war der Wortführer - immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Ich war laut - nur die Harten kommen schließlich in den Garten.

Ich war die Fürsorgliche - anderen gut tun, um gemocht zu werden und eine "Daseinsberechtigung" zu spüren.

Ich war der Clown - denn wenn ich Witzchen über mich machte, kam ich anderen zuvor, die es sonst eventuell ausgesprochen hätten. Da ist es leichter erträglich, sich selbst zu beleidigen.

Ich wollte alles perfekt können - nur nicht auffallen!

Ich litt wie verrückt nach innen - immer und immer wieder.

Ich konnte nicht konsequent NEIN sagen - wenn ich etwas eigentlich nicht wollte.

Mittlerweile habe ich zwar abgenommen und dadurch hat sich vieles in meinem Verhalten geändert, was höchst wohltuend und entspannend ist. Und doch... in Spuren ist alles noch in mir... Der Wortführer, die Fürsorgliche, der Clown, die Perfekte zumindest - leise ist auch anders, jedenfalls bin ich es nicht (das mit dem "Nein-sagen" funktioniert schon deutlich besser und leiden ist definitiv gestrichen).

Sie sind Teil meines Ichs, haben sich über die Jahre ihres Vorhandenseins quasi ein Wohnrecht auf Lebenszeit ergattert. Aber wisst ihr was? Damit kann ich sehr gut leben. Denn das bin ich. Heute.

Ich hätte die dicke Frau gerne angesprochen, ihr von mir erzählt. Aber die Situation dazu war nicht die richtige, die Gelegenheit einfach falsch. Jetzt hoffe ich ganz dolle, dass sie wiederkommt (was ich allerdings aus der Erfahrung mit mir selbst damals nicht glaube), sich entspannen kann und wir irgendwann einmal den richtigen Moment finden können.

Oh man.

Mein Spiegel war da.
Ich war wie sie.
Sie war wie ich.
Damals.




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Freitag, 24. Oktober 2014

Das Ding mit dem Universum


Das muss ich euch einfach erzählen, ich fand die Begebenheit nämlich ziemlich spannend. Viele von euch kennen doch bestimmt die Theorie, dass man sich Dinge beim Universum bestellen kann - alles, was man sich wünscht, die Wünsche sollten allerdings klar formuliert sein, ohne Haken und Ösen.

Nicole ist beispielsweise eine große Freundin dieser Theorie, wir haben uns schon oft darüber unterhalten. Meiner Meinung nach fällt das in den Bereich "Huhu" (mein Begriff für Aberglaube und Ähnliches), das entbehrt aus meiner Sicht jedweder Logik. Bullshit eben.

Diese Woche war vollgepackt mit Kursen. Rückblickend habe ich den Eindruck, dass ich mich ständig entweder im Kurs, auf dem Weg zum Kurs oder auf dem Rückweg vom Kurs befand. Am Mittwoch wollte ich vor einem Kurs (Rücken) noch schnell in die Stadt. Ich musste dringend etwas beim lokalen Drogeriemarkt kaufen. Theoretisch passte es ganz gut, schließlich kam ich auf dem Weg zum Kurs eh annähernd daran vorbei, und wenn ich frühzeitig losfahren würde, wäre das problemlos zu schaffen. Praktisch lief es wie meistens: Die vorhergehenden Aktivitäten verzögerten sich, so dass ich "nach hinten raus" zeitlich im Verzug war.

Verdammt, das mit der Tagesplanung üben wir aber noch einmal gründlich. Jedenfalls war mein Plan mit dem Besuch des Drogeriemarkts nur noch haarscharf zu schaffen, wenn ich pünktlich vor den Kursteilnehmern stehen wollte.

So richtig weiß ich nicht, wieso mich der Gedanke auf dem Weg dorthin schlug, vielleicht weil ich parallel mit Oona (klickediklick) per Whatsapp konferierte und ich mich schon einmal mit ihr über das Thema ausgiebig unterhalten habe - egal. Jedenfalls kam ich, nach innen vorsorglich hämisch über meine Naivität grinsend und fest vom Scheitern des Vorhabens überzeugt, auf die Idee, mir doch zwecks Zeiteinsparung einen Parkplatz direkt vor dem Drogeriemarkt beim Universum zu bestellen. Theoretisch wäre das perfekt und würde mein Zeitmanagement ein wenig gerade rücken.

Dazu ist zu sagen, dass freie Parkplätze im direkten Bereich der Einkaufsmeile der Herzogstadt relativ rar sind. Noch übler ist es, wenn man zur besten Stoßzeit unterwegs ist. Das ist eigentlich fast ein Ding der Unmöglichkeit. Mir war das Glück in Bezug darauf jedenfalls regelmäßig höchst unhold! Ist aber nicht schlimm, fußläufig gibt es durchaus reichlich weitere Parkmöglichkeiten, allerdings muss man eben, wie im Wort "fußläufig" umschrieben, zu Fuß laufen - kostet Zeit.

"Ich bestelle mir einen Parkplatz direkt vor Müller!"
Wollen wir doch mal sehen, wie das mit dem Hokus Pokus so läuft.

Dann fiel mir jedoch ein, dass ich das Thema "Universum" bereits im Blog diskutiert hatte und in den Kommentaren war ich darauf hingewiesen worden, dass man den Wunsch penibel GENAU formulieren sollte, halt nach dem Motto "Bedenke, worum du bittest, es könnte dir gewährt werden!".

Hm.
Parkplätze vor Müller gab es einige, aber meiner sollte doch tunlichst FREI sein, oder?

Zweiter Versuch:
"Ich bestelle mir einen freien Parkplatz direkt vor Müller!"

Ich grübelte weiter. Neben normalen Parkplätzen gab es dort einige für Menschen mit Schwerbehinderung oder für Elektrofahrzeuge (mit Steckdose!) oder für Motorräder. Hmhm.

Dritter Versuch:
"Ich bestelle mir einen freien Parkplatz direkt vor Müller, auf dem ich parken darf!"

Lacht mich nicht aus, aber ich bin nicht gerade die Queen of Einparking. Kann ich zwar schon, aber ich mag nicht, wenn es sehr kompliziert wird. Und was nützt mir die schönste Parklücke, wenn sie miniklein und zu beiden Seiten von zwei riesigen Transporten umsäumt ist? Genau. Nix.

Vierter Versuch - so langsam wurde es Zeit, denn es waren nur noch ca. 500 m bis zum Drogeriemarkt:
"Ich bestelle mir einen freien, für mich einparkgeeigneten Parklatz direkt vor Müller, auf dem ich parken darf!"

Jetzt war ich endlich zufrieden und - muss ich zugeben - dann doch ein wenig gespannt. Ich würde mir ein für alle Mal beweisen, dass das mit dem Universum Blödsinn ist. Bäm! Das würde mir eine reine Freude sein und natürlich würde ich es Nicole beim nächsten Telefonat brühwarm unter die Nase reiben.

Und?

Da!

Ich war so perplex, dass ich das direktamente fotografiert habe. Ja, das dunkle, schmutzige Teil vor Müller ist mein persönliches Transportmittel. Überflüssig zu erwähnen, dass ich reichlich Platz zum Einparken hatte... Ich fasse es immer noch nicht!







Und jetzt ihr!
Was sagt ihr dazu?
Habt ihr Ähnliches auch schon erlebt?
Strange, oder?







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Mittwoch, 22. Oktober 2014

Fjälli Pirelli & die Straßen ins Nirgendwo


Im Laufe der Ehe hat es sich ergeben, dass meistens der Mann fährt. Warum das so ist, weiß ich nicht, mal abgesehen davon, dass ich Autobahnen hasse. Aber ich denke, wir sind da kein Einzelfall. Dabei bin ich eigentlich eine relativ lausige Beifahrerin:


  • Wird es zu schnell - lese ich ihm betont laut die Geschwindigkeitsangaben auf den vorbeiflitzenden Schildern vor.
  • Fährt er zu dicht auf - mahne ich "liebevoll", wie dereinst Fräulein Rottenmeier die Heidi.
  • Ist auch nur der Hauch einer Gefahr im Verzug - "bremse" ich den Beifahrerteppich auf dem Boden bis ins Blech.
  • Geht es zu dicht an LKWs vorbei - ducke ich mich weg, klammere meine Hand an den Griff über dem Fenster und quieke.


Etc. pp.
Nein, natürlich fahre ich alleine darum schon nicht mit jedem mit.

Entspannt ist sicherlich irgendwie anders. Fahre ich, ist der Mann aber ebenfalls ein sehr penibler "Fahrlehrer", der kann das mindestens genauso gut. Nur reagiere ich auf seine Kritik weniger entspannt, sondern drohe mit seinem Abwurf bei voller Fahrt, wenn er nicht umgehend schweigt. Soll er es doch erst einmal besser machen.

Na ja - so viel zu den Interna im Hause Sudda. Hust. Erzählt mir bloß nicht, dass das bei euch total entspannt zugeht, das glaube ich euch sowieso nicht. :D

Zu unserem relativ luxuriösem Lappland-Urlaub gehörte neben Haus, Plumpsklo, Bastu und liebevollen Handreichungen durch Onkel und Tante ein Leihwagen, so dass wir auch weitläufigere Umgebung gut erreichen konnten. Anfänglich fuhr der Mann, eben entsprechend der vollautomatischen Rollenverteilung. Aber das erwies sich als höchst problematisch!


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Für das Verständnis notwendiger Exkurs in unser Beziehungsleben:

Ich weiß nicht, ob ihr ebenfalls im Vollbesitz eines Naturfreaks seid oder zumindest einen so nah kennt, dass ihr bereits das Vergnügen hattet, mit ihm einmal durch die Pampa zu streichen. Naturfreaks wie der Mann geraten bereits wegen kleinster Kleinigkeiten in höchstes Verzücken.

Eine nette Steinformation? "Oooohhhh!"

Eine größere Ansammlung Bäume in unberührter Landschaft? "Aaaaaaaahhhh!"

Ein heiter porlierendes Bächlein durch grüne Au? "Booooaaaahhhh!"

Eine Kombination solcher oder ähnlicher Dinge kann zu einem Zustand "kurz vor Überschnappen" und vor allem zu einem Fragenbombardement der Art "Ist das nicht herrlich hier? Sag schon. Das ist ja wohl schön. Findest du auch?" führen.

Und WEHE, man antwortet nicht in ähnlich verzückter Stimmlage. Hossa.

"Gefällt es dir nicht? Sag mal. Das kann doch nicht sein. Warum bist du jetzt genervt? Mit dir kann man echt nicht wandern gehen... Blablabla". Und das Damoklesschwert der Tiefenenttäuschung ob einer grob undankbaren Wanderbegleitung schwebt drohend und baumelnd über uns.

Spätestens an der Stelle sollte man sich wirklich zusammenreißen und mitfreuen, sonst ist der Tag unter Umständen einfach mal durch, gelaufen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein kleines oder größeres Tierchen? Ehrfürchtiges Erstarren, um es nicht zu verjagen. Sollte man als Begleiter zu blöd gewesen sein, diese ehrfürchtige Situation zu erfassen und verjagt das Tier, ist die Wanderung zumindest emotional angenagt. Stundenlang darf man sich in dem Fall anhören, dass es einem an Feingefühl mangelt, man glasklar kein Trapper ist und erhält kostenlos einen längeren Vortrag darüber, wie man a) Wildtiere am besten sieht und b) sich in freier Natur genauso toll lautlos verhält, wie er.

Gemeinsam haben alle diese Naturattribute übrigens, dass sie für die Nachwelt festgehalten werden müssen. Es wird fotografiert. Vieles sicherheitshalber zweimal. Schließlich muss an Belichtungszeit, Blende, blabla auch ein bis zwei Gedanken verschwendet werden. Im langwierigsten Fall wird zwischendrin das Objektiv gewechselt. Das ist der Moment, in dem ich mich wirklich zusammenreißen muss, um nicht HÖRBAR zu seufzen. Nach innen seufzen geht, hörbar ist verboten. Denn dann hat man auch eine Diskussion an den Backen, wegen grobem Undank - schließlich will man doch auch Fotos, oder? ODER?

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Lappland glänzt durch eine nicht alltägliche Landschaft, das kann ich mal so stehenlassen. Selbst ich war höchst verzückt und das will wirklich etwas heißen, Landschaft ist mir sonst meistens nämlich reichlich schnuppe. Wandern ist für mich Bewegung, eine Sporteinheit. Ich war bislang niemand, der nur für eine Landschaft irgendwo hin gefahren ist. Nicht nötig. Im Gegenteil, mir kann zu viel Landschaft sogar reichlich auf den Wecker gehen. Overload für die Augen, mag ich nicht unbedingt.

Wenn man daher also bedenkt, dass selbst ich fasziniert war, kann man uuuuungefähr ermessen, wie es für meinen kleinen Outdoorfreak gewesen sein muss. Parallel fahren wurde zum Problem!

Im besten Fall hielt er alle paar Meter, mit über die Schotterpisten Lapplands rutschenden Reifen, jäh an. Im schlimmsten Fall rief er zunächst "Boah, guck mal da!", zeigte wild gestikulierend aus seinem Seitenfenster. In seiner Verzückung war seine Konzentration überall, aber eben nicht mehr auf der Straße. Das Auto zog wie ferngesteuert scharf nach rechts oder links (je nachdem), während ich mich quiekend am Türgriff festklammerte, vergebens die Matte in den Boden bremste und - wenn er endlich das Auto wieder im Griff hatte - einige Minuten brauchte, um den Puls wieder in halbwegs normale Bahnen zu lenken. Da solche Momente alle paar Augenblicke auftreten konnten (aber noch lange nicht mussten - nix mit Regelmäßigkeit, an die man sich hätte gewöhnen können...), bin ich mir sicher, dass ein Arzt beim Anblick eines in einer solchen Situation angefertigten Langzeit-EKGs sofort einen OP-Termin für mich reserviert hätte!

Heiliger Bimbam!

Das ging nicht, daher übernahm Mutti das Ruder und er nahm bereitwillig auf dem Beifahrersitz Platz, die Kamera schussbereit auf dem Schoß. Es dauerte zwar eine Weile bis er begriffen hatte, dass er mich eben nicht bei jedem "tollen Anblick" während der Fahrt anschreien und anschubsen durfte, aber bald waren wir ein eingespieltes Team.

Zunächst hatte ich ein wenig Respekt vor den schotterigen Straßen, schließlich hatte der Mann sich ausgiebig über deren Zustand beschwert und behauptet, man könne maximal 70 km/h fahren, weil es derart uneben und holperig sei, aber ich merkte schnell, dass ich damit gar kein Problem hatte. Als sei ich für diese Straßen geboren. Dadurch, dass einem so gut wie nie ein anderes Auto entgegen kam und die Straßen in weiten Teilen supergerade waren, geriet ich in einem meditationsähnlichen Zustand, wenn ich fuhr. Es entspannte mich total! Und das mit den 70 km/h stimmte wohl nicht ganz, ich konnte auch 100 km/h, ich kleine Pistensau. Problemlos.

Daher fuhr ich und fuhr und fuhr - über die Straßen Lapplands.

 

 

Der Mann sah mich nach der ersten erfolgreichen Fahrt von der Seite an, zog eine Augenbraue hoch, die Kamera im festen Griff und sagte: "Heeee, du bist ja die reinste Fjälli Pirelli!" (abgeleitet von Elli-Pirelli, aber da wir uns im Fjäll befanden, eben mit leichter Abwandlung). Und ich grinste zufrieden.

Und so sauste ich von hier nach dort und auch nach da drüben. Herrlich. Lediglich einen Anhaltewunsch musste der Mann etwas früher ansagen, denn abruptes Abbremsen auf Schotter ist bei der Geschwindigkeit nicht der Hit, wie ich persönlich erfahren durfte...

Ob wir einen Geländewagen als Leihwagen hatten oder einen flotten Flitzer?
Ich sag es mit einem Bild:





Toyota Avensis Kombi.
:)

Zu den Straßen dort oben habe ich von meiner Tante eine nette Geschichte gehört. In dieser Gegend wurde die Straße erst in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts gebaut. Vorher gab es einfach gar keine. Man ging zu Fuß auf den Pfaden, nutzte Pferde und hatte für Strecken, die zumindest minimal "ausgebaut" waren, kleine Fuhrwerke oder für den Winter Schleppschlitten. Und das, obwohl mittendrin doch zahlreiche (alles relativ) Höfe lagen, auf denen durchaus einige Menschen wohnten - die Besitzer oder Pächter mit ihren Kindern, dazu Mägde und Knechte, etc.. Diese moderne Straße war daher eine große Neuerung.

Via Mundpropaganda erfuhren die Menschen dort eines Tages, dass am folgenden Sonntag zum allerersten Mal ein Auto über die neue Straße bis zu ihnen hin fahren sollte. Also standen sie besonders früh auf, zogen ihre besten Kleidungsstücke für diesen feierlichen Moment an und reihten sich am Straßenrand auf, neugierig und gespannt wartend.

Als es endlich kam, dieses Auto, sprangen sie in die umliegenden Gebüsche oder flohen direktamente in den Wald... Dieses Auto, anscheinend ein Modell T, war für ihre Begriffe viel zu laut und zu schnell, so dass sie es gründlich mit der Angst zu tun bekamen.

Schlaue Menschen. Vieles von ihrer Ruhe und Einsamkeit haben sie sich bis heute bewahren können, auch wenn sie mittlerweile fast alle Autos besitzen und damit noch besser umgehen können als Fjälli Pirelli.
♥♥♥♥♥♥


Abschließend ein paar Fotos von diversen Wegesrändern, an denen mir rechtzeitig ein Einbremsen gelang. Und noch ein kleiner Nachsatz im Sinne des Mannes: Die Fotoqualität ist normalerweise besser, aber ich habe sie für den Blog runtergerechnet, da sich der Blog sonst noch schlechter bzw. langsamer öffnen lässt.


Pärlälven in der Dämmerung


Sind die nicht wunderschön rot? Passen so gar nicht dorthin.


Da möchte ich nicht verloren gehen!!!



Pärlälven am Tag


Härligt - ich liebe Wasser in aller Variationen



Auf dem Weg nach Kvikkjokk








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Montag, 20. Oktober 2014

Ach, darum!


Wie ich schon schrieb, hatte der Mann vorgeschlagen zu IKEA zu fahren.
Die Kombination aus "Mann", "selbst vorgeschlagen" und "IKEA" fand ich recht verwunderlich. On top werfe ich noch den Begriff "an einem Samstag" hinterher.

Hmmmhmmm... gar nicht gut, gar nicht gut. Das ist nicht normal, wie mir auch durch eure Kommentare bestätigt wurde. Daher versuchte ich höchst investigatorisch der Sache auf die Schliche zu kommen. Das geht am besten, indem man versucht herauszufinden, WO denn die akute Schmerzgrenze des Mannes verläuft.

Vor der Abfahrt:

Ich:
"Super. IKEA. Dann können wir endlich die Hemnes-Kommode kaufen, die die Tochter braucht."

Er:
"Ja, das war auch mein Gedanke. Die nehmen wir direkt mit. Du kannst die ja Morgen früh zusammenschrauben."

Ich:
"Aber wir gucken in aller Ruhe und ich werde nicht von dir gescheucht und es wird nicht gemeckert."

Er:
"Neinnein, wir nehmen uns viel Zeit."

Hm. Hier stimmte doch etwas ganz grundlegend nicht. Ich traute dem Braten nicht über den Weg.

Ich:
"Wenn wir schon zu IKEA fahren, könnten wir vorher noch bei Dansk Design vorbei. Wir brauchen doch einen neuen Teppich in der Sofaecke. Und die haben so hübschen Schnickschnack da. Ob wir vielleicht sogar endlich einen neuen Couchtisch finden?"

Er:
"Gute Idee. Das machen wir."

Hä, gute Idee UND das machen wir? Gruselig, gruselig.

Kopfschüttelnd stiegen die Tochter und ich in das Auto. Tatsächlich fuhren wir zunächst zu Dansk Design. Innerhalb von 10 min. hatten wir einen Teppich aus reiner Wolle gefunden UND gekauft. Hm.

Provokant ging ich in die Schnickschnack-Abteilung. Das ließ den Mann völlig unberührt. "Ich gehe nach Couchtischen gucken." Langsam machte ich mir echte Sorgen um seinen Gesundheitszustand.

Prompt fand ich ein riesiges Kerzenleuchtergerät. Etwa einen Meter lang, aus Metall, mit vielen unterschiedlich großen Gläser für unterschiedlichste Kerzen. Das führte immerhin zu der Äußerung "Und wo verdammt soll das Teil nun schon wieder hin?". Aaahhh... leichter Hoffnungsschimmer am Horizont. Irgendwo in diesem Alien verbarg sich anscheinend doch mein Gatte.

Strahlend entgegnete ich, dass der supi auf den Esstisch im Wohnzimmer passen würde. 
"Aber du hast doch schon diesen siebenarmigen Kandelaber da stehen."
"Egal, den packe ich auf das Buffet." 
"Ah, okay, dann kauf den doch."

AH, OKAY???
DANN KAUF DEN DOCH???

Hallo... Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt Olympiasiegerin in "Kerzen-und-Leuchter-aller-Art-kaufen". Ich könnte spielend eine kleine, hübsche Boutique nur mit solchem Zeugs eröffnen und die ohne Zukauf von Waren bestimmt einige Monate entspannt bei gutem Umsatz führen. Die einzig natürliche Antwort wäre daher ein wild gequiektes "Nein" gewesen. SO macht das keinen Spaß.

Sicherheitshalber kaufte ich den supi Leuchter natürlich doch. Wenn schon, denn schon. Das konnte sich nur um eine vorübergehende Erscheinung handeln...

Ach, und eine schnieke Küchenreibe - obwohl ich eigentlich eine habe. Aber die alte ist eben unschnieke. Keine Reaktion seinerseits und ich überlegte, ob wir überhaupt ein Fieberthermometer Zuhause haben... Haben wir übrigens nicht. Darüber hinaus hatte er einen Couchtisch gefunden, aber den wollte ICH nicht. Verkehrte Welt.

Bei IKEA liefen wir zunächst zackzack durch die Ausstellung, die finde ich immer pottje-langweilig. Bevor es die Treppe zum Pimpim-Krempel runter ging, spielte ich geschickt ein Ass aus: "Magst du nicht rüber ins Klamottenoutlet gehen? Du kannst ja in einer Stunde nachkommen. Dann treffen wir uns vor dem Lagerregalbereich, wo wir die Kommoden holen."

Ja, KommodeN. Der Mann (!) hatte in der Ausstellung eine Kommode entdeckt, die 1 A in unseren Flur oben im Schlafbereich passt. DER MANN... Und er wollte sie kaufen, obwohl nicht zu 100% klar war, ob die nicht sogar zu breit war. Man kann schließlich umtauschen, meinte er. Ich war quasi sprachlos.

Der Mann folgte meinem Rat und ging ins benachbarte Outlet, während ich anfing, Gegenstände in den Wagen zu lasten. Neue Auflaufformen aus Glas, normale Kerzen, Duftkerze mit Vanille, drei Nupsibürsten, Blockkerzen, Servietten (eigentlich einer DER Mann-Aufreger.. Ich sammele nämlich auch Stoffservietten. Theoretisch könnte ich ein Jahrzehnt lang Weihnachten unterschiedliche Servietten kredenzen. Aber natürlich nur theoretisch, praktisch finde ich jedes Jahr neue), Geschenkpapier, .... Was man halt so bei IKEA kauft. Die Tochter packte sich zweimal Bettwäsche ein und brauchte ebenfalls dringend eine Vanilleduftkerze. Und eine Pflanze.

Am Eingang zum Lagerregalbereich fanden wir den Mann wieder. Jetzt aber! Siegessicher schob ich ihm meinen Wagen in den Sichtbereich.

NIX.

Also jedenfalls zu wenig. Es kam nur einmal ein "Was willst du damit?" und das betraf die Nupsibürsten, weil er die doof findet. Kommoden aus den Regalen gezerrt, Kasse, bezahlen, Heimfahrt.

Das war nicht normal.
Echt nicht.

Als wir abends zusammensaßen, fragte er mich:
"War ich heute nicht richtig lieb?"

"Doch, und ich würde irrsinnig gerne wissen, was du damit bezweckst. Bitte sag es mir."

"Komischerweise gar nichts. Ich weiß auch nicht. Das hat doch Spaß gemacht heute."

Das hat mich nicht wirklich beruhigt. Aber ich sollte bereits am folgenden Morgen lernen, was vermutlich der Hintergrund war. Nämlich als ich gegen 10 Uhr begann, die erste Kommode zusammenzubasteln, während er lecker wandern war.

Ja, ich bin bei uns traditionell die Möbelzusammenbauerin. Da ist es besser, wenn er weit weg ist, weil ich fürchterlich wütend werden und er mir dann mit seinen eingeworfenen Fragen richtig auf den Wecker gehen kann. Die wenigen Male, die er etwas zusammenbauen sollte (am Anfang unserer Ehe - wir waren beide noch jung und naiv), endete es immer damit, dass er hysterisch mit dem Imbusschlüssel herumwedelte und "Da fehlen Teile. Ich sehe das sofort. Dieses Scheißzeug, ich kaufe nie wieder was bei IKEA" schrie, bis ich ihn rauswarf und es selbst machte. Übrigens hat noch NIE irgendwas gefehlt. NIE.

Wo war ich.
Ach ja, Hemnes-Kommode mit acht (!) Schubladen. Alter Falter, dagegen ist PAX aufbauen ein Fall für blutige Anfänger. Und dann war da ja noch die zweite Kommode. Ich war dem Nervenzusammenbruch bald relativ nahe - ich kann irrsinnig wütend werden, lasst euch nicht durch meine zumeist netten Worte täuschen. Irrsinnig wütend - und das war ich dann auch.

Gegen 14:00 (!) kam der Mann leise lächelnd zu mir und fragte, wann wir denn essen würden und wie lange ich wohl noch bräuchte. Das wäre ja wohl nicht normal, dass der Aufbau von zwei albernen Kommoden derart lange dauern würde. Übrigens genau in dem Moment, in dem ich entdeckt hatte, dass ich einen Holzdübel an der falschen Stelle eingeparkt hatte und mir klar wurde, dass ich drei Teile der Kommode wieder abbauen musste, um das zu beheben... Wann sonst.

ARGH!
Bevor ich ihm den Akkuschrauber an den Kopf werfen konnte, war er fröhlich pfeifend wieder verschwunden, um unten gemütlich seine Bergdokus weiter anzusehen.

Gegen 16:00 Uhr war ich fertig, nicht nur mit den Nerven.

Eins sag ich euch:
Ich fahre so schnell nicht mehr zu IKEA.
Das macht mir keinen Spaß mehr.











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Freitag, 17. Oktober 2014

Sacken lassen...


Der Mann fährt morgen freiwillig mit der Tochter und mir zu IKEA.
Ich setz noch einen oben drauf: Es war SEIN Vorschlag.

Was will er?
Was hat er verbrochen?
Ist das ein spezielles Männer-Manöver?

Vor lauter Überraschung weiß ich gar nicht, was ich da wollen würde.
Egal.
Kerzen brauche ich auf jeden Fall.
Und neue "Nupsi"-Spülbürsten.

Und doch: Dubios!
Hm.


:)




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Die Bedingungen vor Ort - so looks it out!


Hihi, ich liebe dieses direkt übersetzte Englisch, da kann ich mich immer wieder innerlich in die Ecke schmeißen. Mein Favorit nach wie vor übrigens: Take you yes in eight! (Nimm dich ja in acht!) Aber ich will ja nicht direkt am Anfang des Posts abschweifen, wo soll das sonst noch hinführen?

Neuer Tag, neues Glück.
Wir sollten endlich zum Ferienhaus meines Onkels gebracht werden. Moah, waren wir gespannt! Schon der Weg dorthin war recht abenteuerlich. Zunächst hielten wir in Jokkmokk, der größten Stadt in der Gegend. Die Gemeinde Jokkmokk an sich ist so groß, dass auf einen Quadratkilometer (!) ein Einwohner kommt. Ich vermute, dass meine Witzelei, dass dort mehr Rentiere und Elche als Einwohner leben, gar nicht verkehrt ist...

In Jokkmokk haben wir ein paar Kleinigkeiten eingekauft, die ich für wichtig hielt. Wobei mein Onkel immer wieder sagte: "Brauchst du nicht, habe ich schon für euch dorthin gebracht." Tatsächlich hat er uns sehr verwöhnt und die Vorräte mit allerhand Leckereien ausgestattet. Butter, Fleisch, Käse, Aufschnitt, Toilettenpapier, sogar an reichlich Kerzenvorräte hatte er gedacht. Das ist mein Onkel, so kenn ich ihn schon immer - total lieb. ♥ Auch als ich meinte, wir sollten doch wohl besser Trinkwasser in Flaschen kaufen, sagte er, dass das unnötig sei, da Wasser im Überfluss vorhanden sei. Okay, das war doch schon mal ein Wort.

Von Jokkmokk bis Vuojat, wo das Haus liegt, sind es rund 70 km. Davon gut 40 km Schotterstraße. Gewöhnungsbedürftig. Da fährst du nicht mal eben schnell zurück, wenn du etwas im Supermarkt vergessen hast... Und das mir! Ich vergesse andauernd etwas. Ich bin die, die ewigunddreiTage Einkaufszettel schreibt, um dann im Geschäft festzustellen, dass die Liste immer noch zuhause auf dem Esstisch liegt. Jaja.

Ein Bildchen von der Straße, inklusive Berg Jarre, mit dem ich noch engere Bekanntschaft schließen durfte.





Der Mann fuhr vorsichtig hinter meinem Onkel her, weil immer wieder Steinchen flogen. Auf der ganzen Strecke kam uns nicht ein Auto entgegen. Dafür sahen wir unfassbar viel Gegend! Man meint wirklich, dass man in einen Dokumentarfilm über Nordschweden gebeamt wurde. Wälder, Seen, Flüsse, ganz viele verstreute Steine.

Margareta saß bei uns im Auto und erklärte uns einiges zu der Gegend. Sie ist in diesem Gebiet aufgewachsen, ohne den ganzen Tamtam, der für uns einfach normal ist. Und damals gab es in weiten Teilen noch nicht einmal eine Straße. Während wir lernten, wie man sicher über die stark befahrene Straße in den Kindergarten kam, lernte sie vermutlich eher, wie alt die Bärenspur vor ihr war. Richtig Kontrast, quasi.





Das Haus ist wundervoll! Es liegt auf einem großen Grundstück, umgeben von Wald. Zwei Häuser gibt es in der "näheren" Umgebung, aber da wohnt niemand mehr. Gegenüber bzw. eigentlich drumherum liegt ein riesiger See, dessen Wasser aus dem Fjäll kommt (aus den umliegenden Bergen). Das Wasser ist kristallklar, sowas habe ich noch nie gesehen. Alles in allem wildromantische Lage.

Das Boot gehört zum Haus. Damit hat mein Onkel uns ein wenig über den See getuckert, was herrlich war, weil man die Pracht der Gegend dadurch sehr schön von der Wasserseite aus erfassen konnte.





Die beiden haben erst im letzten Jahr bauen lassen und erweitern jetzt nach und nach. Ich schätze, dass das Haus an sich rund 50 m² groß ist. Wenn man durch die Tür reinkommt, steht man in einem kleinen Vorflur, der in einen großen Raum übergeht, der aus Wohnzimmer, Essbereich und Küche besteht. Zusätzlich gibt es ein schnuckeliges Schlafzimmer.

Und?
Gemerkt?
Fehlt was in der Aufzählung?

Ja, genau. Es gibt kein Badezimmer.
Aber auch für diese Bedürfnisse ist gesorgt, es gibt stattdessen ein Plumpsklo, wie es im Buche steht: Holzbüdchen mit Tür und einer Sitzfläche mit Deckel und dann "plumpst" es halt. Dazu eine richtig geniale "Bastu", was die schwedische Bezeichnung für Sauna ist. Aber dazu komme ich noch im Detail, hier möchte ich euch erst einmal mit den Rahmenbedingungen vertraut machen.

Im Haus gibt es keinen Strom und keine Heizung. Obwohl das nicht ganz stimmt.. Es gibt im Schuppen einen Generator, den man im Falle des Falles für 1-2 Stunden anwerfen kann, um eben mal schnell zu staubsaugen oder wichtige Dinge aufzuladen, wie beispielsweise die Autobatterie, über die die LED-Leselampen, zumindest eine gewisse Weile lang, z.B. am Bett brennen können. Mein Onkel nahm mich mit in den Schuppen, um mir den Generator zu erklären, aber wie das so ist mit mir und der Technik... DEN Schalter schiebst du hierher, dann ziehst du dort und dann schiebst du den Regler dorthin - und vergiss nicht, dass du diesen Schalter... jaja... und das soll ich mir merken? Hm.

In Kurzform:


Licht:

Kerzen sind sehr gemütlich! Man sollte nur daran denken, sie vor Verlassen des Hauses frisch aufzufüllen, wenn man gedenkt, im Dunklen erst wieder heim zu kommen. Sonst wird es etwas fummelig, wenn man mit der Taschenlampe nach Ersatz sucht. Aus Sicherheitsgründen verwendeten wir fast ausschließlich Teelichter, das Haus ist aus Holz...


Heizen:

In dem kleinen Eisenofen kann man Feuer machen und das Haus wird dadurch sehr schnell erwärmt. Am ersten Abend haben wir den Fehler gemacht und zu viel geheizt, es wurde zu warm und dem Mann war es zu warm zum Schlafen. Aber ich hatte nicht wirklich die Traute, nachts das Fenster auf zu lassen, obwohl das total albern war. Da war niemand. Nirgends.


Kochen:

1. Es gibt einen Gasherd (mit Flasche dran - bis dahin einer meiner privaten Angstpunkte)
2. Vor dem Haus gibt es eine geniale Feuerstelle, auf der sich vortrefflich kochen lässt.





Kühlschrank:

Fragt mich nicht wie, aber der funktioniert auch mit dieser Gasflasche...


Fließendes Wasser:
Fehlanzeige!


Warmes Wasser:

Man stelle einen großen Topf auf den mit Holz befeuerten Ofen oder den Gasherd und warte eine Weile.


Spülen:

Man nehme zwei Kunststoffwannen und befülle sie mit einer Mischung aus kalten und heißem Wasser (auf das man vorher gewartet hat). In der einen spüle man  mit Spüliwasser sauber, in der anderen spüle man klar nach. Peng, fertig.


Trinkwasser:

Mein Onkel stellte uns zwei große Wassertanks mit Zapfhahn hin. Unser Wasser. Für alles. Ob spülen, waschen, trinken... bitte sehr!

Hö? Und wenn ich jetzt mehr brauchte? Ich sah ihn fragend an.

Mit einer großen Geste mit dem rechten Arm drehte er sich um und präsentierte mir den See: "Bitte sehr! Da ist dein Wasser. Reichlich!" Nja, ich hoffe, es klingt nicht zu gemein, wenn ich sage, dass ich den Mann zuerst von dem Seewasser habe trinken lassen und daraufhin einige Stunden gewartet habe, bevor ich den ersten Schluck nahm... Da war ich mir dann sicher, dass es zumindest nicht tödlich war. :)

Tatsächlich schmeckt es hervorragend und muss vor Genuss nicht abgekocht werden. Die Haare wurden beim Waschen mit Seewasser herrlich weich. Darin ist garantiert weder Kalk noch sonstige Ablagerungen enthalten.


Müllentsorgung:

Müll musste gesammelt und abtransportiert werden. Lediglich echten Biomüll durfte man weit entfernt vom Haus an einer Stelle abladen. Weit weg vom Haus, weil auch Bären und Füchse und andere Tiere durchaus Hunger haben könnten und die möchte man ja nicht direkt zu sich einladen.


Entertainment:

Kein Radio, kein PC, kein Fernsehen. Nur der Mann und ich. Mein Handy war mein kleiner Schatz, dessen Akku ich wohlweislich bei meinem Onkel bereits bis Anschlag gefüllt hatte und nun täglich für einige Minuten anschaltete. Denn.... tadaaaa... Whatsapp funktionierte meistens und so konnte ich mich bei manchen von euch zwischendrin sogar mit Bildchen melden. Um zu telefonieren, musste man hingegen eine bestimmte Stelle auf dem Grundstück aufsuchen und während des Telefonats still stehenbleiben.

Jedenfalls hatte ich vorsorglich eine Internetflat für die Aufenthaltszeit aktiviert, so dass ich daran auch nicht arm wurde. Aber ich hatte so gut wie keine Chance, bei Facebook reinzusehen und schon überhaupt gar keine, um auf eure Blogs zu kommen.


Fazit:

Das alles machte irrsinnig Eindruck auf uns und auch wenn es für manche von euch recht spartanisch erscheint: das war eine relativ luxuriöse Version eines Wildnisurlaubs! Das geht noch anders. Nicht wenige Touristen schlafen im Sommer in Zelten! Ich hingegen konnte abends theoretisch die Tür verrammeln und verriegeln und kleine Stoßgebete gen "oben" senden, dass meine Blase nicht auf die Idee kam, mitten in der Nacht aufs Plumpsklo zu wollen... (was sie natürlich doch wollte..)

Meine Tante erzählte uns von einem Deutschen, der jahrelang extra Geld gespart hatte, um eine gewisse Zeit in der Wildnis zu verbringen, ganz allein. Das war sein Traum. Es endete damit, dass man ihn mit dem Helikopter retten musste, weil er wegen der Stille aus Angst völlig nervlich zusammenbrach. Danach war er zunächst drei Wochen stationär im Krankenhaus und wurde seelisch aufgepäppelt, bevor er überhaupt in der Lage war, abzureisen...

Margareta kochte eine hervorragende Fischsuppe (mit selbst gefangenem Barsch), wir aßen gemeinsam und erzählten noch eine Weile, bis es für die beiden Zeit wurde zu fahren, bevor die Dunkelheit anbrach. Sie gingen, nicht ohne uns für den Abend noch ein hervorragendes Stück Rentierfilet da zu lassen. Wahnsinn, versucht mal, das in Deutschland im Geschäft zu kaufen. Ich war sehr gespannt, zumal ich noch nie in meinem Leben einen Gasherd angezündet hatte. Hm.

Wir winkten ihnen bei der Abfahrt noch hinterher und dann waren wir auf einmal auf uns selbst gestellt.









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