Dienstag, 27. Juli 2010

Woran ich merke, dass ich in Schweden bin #1

An und für sich bin ich kein aggressiver Mensch, echt nicht. Und spätestens nach einigen Tagen in Schweden fällt für gewöhnlich die Resthektik von mir ab. Die Schweden an sich sind nämlich ein extrem entspanntes Volk und das überträgt sich!

Bis auf eine spezielle Situation. Und die macht mich gleich so aggressiv, dass ich kleine Ärmchen brechen könnte.

DIE SUPERMARKTKASSE!

Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich offiziell bei allen deutschen Supermarktkassiererinnen und den Kunden zu entschuldigen über die ich schon hergezogen habe. Es tut mir aufrichtig leid!

Grundvoraussetzung in Schweden ist zunächst, dass die Laufbänder zum Auflegen zum einen viel schmaler sind (da passt kaum eine Milch quer drauf!) und zum anderen auch nur halb so lang. Gleichzeitig findet sich in diesem Land aber eine Vorliebe für Großpakete. Was weiß ich… 5 kg-Pakete Mehl, 2 kg-Pakete Nudeln und 1 kg-Stangen Margarine… Hauptsache billig!

Hinzu kommt, dass in der Regel viel zu wenige Kassen für die Käufer geöffnet sind. Wenn mehr als 5 Kunden an der Kasse anstehen müssen, droht Chaos. Schrecklich!

"Häää?", denkt ihr jetzt bestimmt und mit Recht… "Was ist denn mit den 12 Leuten, die ich beim letzten Einkauf bei Aldi vor mir hatte???"

DAS KANN MAN NICHT VERGLEICHEN!

Man kommt also mit dem Einkaufswagen an der schwedischen Supermarktkasse an, checkt die Waren der anderen, erfasst die Anzahl der Menschen und denkt „Eh super, das geht bestimmt schnell!“.

TUT ES ABER NICHT!

Ein kleines Schild bittet die Kunden, die Waren so auf das Band aufzulegen, dass jeweils der Strichcode zur Kassiererin zeigt. Als freundliches Volk machen die Schweden das dann auch. Also wird jede einzelne Ware langsam zunächst in der Hand gewendet und einzeln sorgsam perfekt aufgelegt, jeweils mit gehörigem Abstand zur nächsten Ware.

Langsam, gaaaannnzzz langsam.

Das führt dazu, dass natürlich nicht alle Waren eines Käufers auf das Band passen.

Ebenso „vorsichtig“ scannt die Kassiererin übrigens die Ware ein!

Zum Glück ist der Sammelbereich (das Auffangbecken) für Waren am anderen Ende extra groß. Anders ginge das gar nicht.

Fassungslos starre ich auf die filigrane „Warenbehandlerei“. 10 Teile – 5 Minuten. Aggression wallt leise in meinem Bauch auf. Meine Fäuste öffnen und schließen sich unauffällig.

Herrn Svensson an der Kasse fällt zwischenzeitlich auf, dass er die Milch vergessen hat. Also schickt er seine kleine Tochter los, um welche zu holen. Die Zeit verbringt er damit, freundlich mit der Kassiererin zu parlieren. Größe des Supermarktes ist etwa 10x Durchschnittsaldi. Das entsandte Kind ist aber nur etwa 1,20 groß… Das kann dauern.

Meine Füße tippeln wie von selbst, ich schwör!
Ich sehe mich verstohlen um. Niemanden der Umstehenden scheint das überhaupt zu interessieren.

Kind zurück, Mann bezahlt. Schön, schön!

Frau Andersson ist dran. Die ist alt und mit einem Gehwägelchen unterwegs. In dem Alter dauert das, das ist normal… Einundzwanzig… Zweiundzwanzig…

Die nächste Kundin, nennen wir sie Frau Jönsson, kennt anscheinend die Kassiererin, also wird sich ausgiebig unterhalten und das ist anscheinend so interessant, dass die Kassiererin zwischendrin das Scannen vergisst und gebannt lauscht.

Ob sich Schaum einfach so vor dem Mund bilden kann? Ich denke ja.

Jetzt fällt Frau Jönsson auf, dass sie ihr Portemonnaie im Auto vergessen hat und sie rennt los (immerhin!). Supermarkt riesig = Parkplatz auch. Die Kassiererin feilt sich derweil die Fingernägel.

Das ist aber gleichzeitig Glück für Frau Andersson, denn der ist bei Durchsicht ihres Kassenzettels aufgefallen, dass der Saft, den sie gekauft hat, eigentlich viel zu teuer ist, findet sie. So einen teuren Saft wollte sie eigentlich nicht haben, denn dafür hat sie zu wenig Rente. Und überhaupt, die Preise heutzutage. 1952 war das noch ganz anders. In echt!

Frau Jönsson bezahlt irgendwann, Frau Andersson tauscht ihren Saft um, der Mann legt beruhigend die Hand auf meine Schulter. Vielleicht will er aber auch vermeiden, dass ich losspringe und allen Beteiligten die Augen auskratze. Ich stehe gut unter Spannung.

Als wir endlich fertig sind, zerre ich den Wagen hysterisch gen Ausgang. Immerhin versuche ich es zu vermeiden, den Schweden damit in die Hacken zu fahren, die gemütlich mit ihren Wagen durch die Gegend cruisen.

Im Ausgangsbereich zeigen sich auch immer wieder gerne die vorherrschenden Arten von Schweden:

1. telefonierend
2. Süßes essend!
3. quatschend!

Die Schweden die mich beim Verlassen des Supermarktes sehen, denken bestimmt…

„Mein Gott, diese Deutschen, immer unter Stress, immer in Hektik!“

Aber das ist mir jetzt auch egal. In solchen Momenten frage ich mich, wo die schwedische Hälfte meiner Gene hin ist.



P.s.:
NEIN, ich sortiere den Strichcode nicht nach vorne/oben, denn ich denke, dass eine kleine Herausforderung einem Kassiererhirn nicht schaden kann.

Ich stapele sogar aufeinander!
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Kommentare:

  1. lach...ich stell mir das grad mal bildlich vor

    AAAABBBERRR vielleicht sollte ich da mal ne Zeit "arbeiten", das wäre ja mal Entspannung pur - jedenfalls für mich *lautlach*

    Grüße Susa

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  2. Ich schieß mich grad wech..... *brüllvorlachen* - sehr geile Story und ich kann mir Sudda grad live vorstellen *gacker*
    *wiehr*
    Ich glaub ich fahr niemals nie nich nach Schweden, denn mein Mann hätt mir nicht die Hand auf die Schulter gelegt - wir wären denen wohl beide mit dem nackten A*piep* ins Gesicht gesprungen *tränenvorlachenausdenaugenwisch*
    Freu Dich halt wieder auf Einkaufen zuhause ;o)
    LG und einen Drückerling
    Anke

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  3. Gut zu wissen, dass ich besser niemals nach Schweden ziehen sollte, da ich beim Einkaufeb zum paniken leide und immer gern schnellschnell aus Supermärkten raus bin.

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  4. nu mußte ich mich gewaltsam an den Tisch festhalten um nicht vor lauter lachen zurückhalten aus dem Fenster zu springen. Ich hab mirs auch Bildlich vorgestellt. Irre, ne ich glaub bei sowas würe wohl ich die die die Hand auf die Schulter meines Mannes legt. Das wäre nicht aushaltbar.

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  5. *lol* Sehr anschaulich geschrieben.
    Also ich hätte mich wohl ähnlich gefühlt wie Du. Ich hasse es auch zu warten und wahrscheindlich hätte ich mir darüber Gedanken gemacht, wieviele Waren ich in der Zeit schon gescannt hätte (ich habe im Studium als Kassiererin gearbeitet).

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  6. Oh je... ich bekomme ja schon die Krise wenn jemand an der Kasse sein ganzes Kleingeld zusammen sammelt...
    Das wäre nix für mich..da würde ich ausflippen

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  7. Mönsch Süße, du bist doch im Urlaub... ach so, den wolltest du nicht an der Supermarktkasse verbringen?? Lach...

    Ich sehs förmlich...

    Calm down! Drück Dich!

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  8. Huhu Sudda!
    Da du uns in Schweden quasi abgelöst hast, fühle ich mich zu einer deutlichen Bestätigung verpflichtet. Ich habe sogar das Maxi in Mellbystrand erkannt und seine vertrauten kühlen 15 Grad gespürt :o) Und sonntags, so am Nachmittag gegen fünf, ist es ganz besonders schlimm. Und man steht an den kilometerlangen Eistruhen (ungemein viele Sorten) und selbstbedien-Lecker-Sachen zum Mischen!!!!!!!!!!
    Genieß die Zeit
    Mrs. Emm

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  9. ooooooooooooooooooooooooohhhhhhhhhhhhm du är i sverige... välkommen haha
    schreib ne liste und lass den mann einkaufen..
    ich drück dich feste...

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  10. Schweden ich komme! :-)

    Ich find das cool, wenn die Menschen so gelassen sind und ich hasse es, wenn ich hier die Waren vom Band in den Waagen schmeißen muß, weil die Kassiererin mal wieder einen Rekord im scannen aufstellen will...Entschleunigung heißt das Zauberwort ;-)

    Menschen die vor Supermarkttüren stehen und den neuesten Tratsch austauchen, find ich allerdings auch nervig. Aber die gibt es bei uns auch zu genüge, finde ich...

    Erhol dich noch ein bischen und lass den Mann allein einkaufen... ;-)

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  11. Ich glaube, ich haette die Krise gekriegt, als die Kassiererin die Nagelfeile rausgeholt hat. Unglaublich!

    Wuerde aber trotzdem gerne mal Schweden besuchen.

    Bikey x

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  12. He he!
    Ein Geheimtip: ICA in Hörby, mitten in Schonen, da haben die nummerzetteln für die Kassen! Pech aber wenn wenig Leute einkaufen, dann haben die nur eine Kasse offen!

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  13. ROTFL... Aj, aj, aj... Beskrivningen av den svenska stormarknaden är ju tyvärr helt korrekt... Jag har full förståelse att du får totalt spel i kassan, våra rutiner skiljer rätt dramatiskt från de i den tyskspråkiga världen...

    Jag har vid olika tillfällen prövat på det "tyska" systemet. Det gäller att "go native" fort för att överleva liksom...

    Min erfarenhet är: Singla upp varorna så fort du kan, fånga dem i luften efter kassörskan slitit dem förbi skannern och kasta ner sakerna i vagnen. Betala och ställ dig och packa vid den för ändamålet avsedda platsen. Puh!

    Råkar man vara lite för långsam får man 1) En genommordisk blick av den typiska "tyska" kassörskan iförd den typiska "tyska" "städrocken"... 2) En dolk i ryggen av en "tysk" "Hausfrau", som för femtioelfte gången denna dag besökt sin lokala butik, även hon iklädd "städrocken" plus "tofflor" på fötterna...

    Jag har inget principiellt emot den tyska kassatypen, snarare tvärt om. Lidl hade tyska kassor när de kom hit. Inte poppis bland svenskarna. Hade själv inget problem… Nu byter man ut dem mot den svenska modellen. Suck!

    Lilla Odjuret

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  14. @lilla Odjuret
    HELT PERFEKT BESKRIVET!! Och det är ju egentligen problemet... Kan det inte finnas nagot moderat? Det värsta jag vet i Tyskland är när kassörskan inte har förstaelse för gamlingar som inte klara tempot och inte sakta ner lite för deras skull. Det tycker jag är helt ofattbart...

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  15. Hahaha ;-) Jag hade problem första tiden i Tyskland...det gick sa himla snabbt och sa fanns det ju ingen ände pa bandet. Hade man ingen vagn sa var det ju helt galet stressigt. Var tvungen att försöka stapla upp grejerna i famnen och sedan försiktigt ga till nagon bänk längre bort, utan att tappa hälften pa vägen. Men man lär sig. Kan tänka mig hur knasigt det blir för er när det istället gar seeeeegt. Hehe.

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  16. *lachhhhhhhhhh* oh was ein herrlicher Bericht!! (bin ich froh dass ich jetzt doch weitergelesen hab...) Vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen (war auch schon Kassiererin) dennoch ist im Urlaub sowieso alles anders und in anderen Ländern sowieso... Wieso hattest du nicht auch eine Nagelfeile und einen Klappstuhl dabei?? dann wartet sichs angenehmer *zwinker*
    Noch eine schöne Zeit in Dänemark :)
    Grüsse
    Tamara

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  17. :))))) exakt so !
    Auch hier in Mittelschweden - Hällefors.
    Aber das vergeht nach 2 Wochen, dann ist alles im grünen Bereich und kann sich nur über die neu angekommenen Deutschen wundern, wie eilig sie es haben

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  18. Hej!

    Mehr oder weniger "av en slump" auf Deinen Blog gestossen.

    Gut beschrieben ;-)) Anfangs hatte ich auch Schwierigkeiten (wir wohnen seit 2009 im Hälsingland) mit der Art und Weise. Aber mittlerweile finde ich es erholsam.

    Schöner Blog, gute Schreibe und das Thema LCHF ist seit 2 Wochen auch in mein Leben gekommen. Ich hoffe endlich (mit fast 60) nach zahlreichen unterschiedlichen "Diäten" von meinem "Kampfgewicht" runter zu kommen.

    Lese nun mal weiter und bin gespannt, was ich alles erfahre!!

    Alles Gute weiterhin
    Lisa

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