Sonntag, 25. Dezember 2011

Durch Anspannung zur Entspannung..

Eine andere passende Überschrift wäre "Alle Jahre wieder" gewesen.

Es gibt so Rituale, die bei uns gepflegt werden. Ob die jetzt schön sind, Sinn machen.. egal. Da müssen wir anscheinend durch.

Und so war es gestern, am heiligen-Vormittag-vor-dem-Abend, wieder soweit.

"Lasset uns über die Anspannung hoffentlich zur wahren, tiefen Entspannung gelangen", so das Motto quasi.

Jedes Jahr beginnt dieser Morgen traditionell mit einem Frühstück, an dem in den vergangenen Jahren nur der Mann und ich teilnehmen, da der Mann gegen halb 9 dringend essen muss, da er sonst bestimmt Gefahr läuft, binnen kürzester Zeit zu sterben, während die Kinder ihren wohlverdienten (*hust*) Schönheitsschlaf benötigen.

Bis dahin alles tutti...

Aber dann.

Der Mann macht sich daran, die Tanne in die Senkrechte zu befördern. Und ich habe den undankbaren Assistenzjob. Ich muss fast ohne Anweisung sofort wissen, was er vor hat, die richtigen Türen zu richtigen Zeit aufhalten und das Bäumchen in die richtige Richtung neigen und vor allem festhalten, festhalten, festhalten.

Folgende Sätze MÜSSEN bei diesem Ritual gesprochen werden, damit es gelingt:

"Scheiß Baum. Nächstes Jahr kaufe ich keinen mehr!"

"Ich will aber einen! Weihnachten ohne Baum ist kein Weihnachten!"

"Oder ich kauf einen kleinen!"

"Ein Weihnachtsbaum MUSS groß sein. Menno. Du nervst."

"Wenn die Kinder aus dem Haus sind, holen wir aber keinen mehr. Oder wir stellen den auf die Terrasse, dann nadelt der Mist wenigstens nicht."

Ritual ist auch, dass wir keine wolligweiche Nordmanntanne kaufen. Nönö... ein Entscheidungskriterium des Mannes scheint auch zu sein, wie pieksig die Nadeln sind. Außerdem muss ich den Baum dann beim Ausrichten OHNE Handschuhe halten.

Okay, ich könnte mir Handschuhe holen, aber dann würde ich das Ritual durchbrechen. Geht gar nicht.

"Jetzt pack doch mal den Baum vernünftig, Mensch!"

"Das geht nur so langsam. Der piekt so schrecklich."

"Hol dir Handschuhe!"

"Nein, ich habe keinen Bock in die Garage zu gehen."

"Dann mach eben!"

Ab dieser Stelle muss ich natürlich jedes Mal hysterisch quieken, wenn ich in die Äste greifen soll. Das Greifen in die Äste ist von mir absolut nur in Slowmotion zu erledigen.

Männernervenzerreibende Slowmotion!

Der Mann liegt währenddessen unter dem kratzig-piekigen Baum, setzt sein Gesicht den Ästen aus und will nichts als aus dieser Situation erlöst werden.

Irgendwann ist der Baum dann absolut senkrecht ausgerichtet - jedenfalls nachdem der Mann den Weihnachtsbaumständer das ein oder andere Mal gelöst hat, mit dem Gesicht jeweils in den Nadeln natürlich, bis wir zufrieden sind.

Im nächsten Schritt muss der Baum herbe vom Mann kritisiert werden (dabei hat er ihn selbst gekauft):

"Der ist viel zu groß! Der ist zu breit. Guck mal, schieb was rüber." 

(Mann hätte sich das viiiieeeelllleeeeiiiicchhhttt denken können, weil der Baum beim Kauf NICHT in so ein Netz passte.... Hätte man als Indiz sehen können. Hätte - täte - könnte!)

"Aber der piekt so."

"Schieb jetzt, Frau!"

"Der klemmt!"

"Du klemmst! Schieb!"

Die Stimmen schrauben sich langsam in aggressive Bereiche. In perfekt abgestimmter Choreographie quasi, Nuance für Nuance.

Jetzt wird es Zeit für einen wahrlich brisanten Vorgang:

Der Mann beginnt die - seiner Meinung nach - zu ausladenden Äste zu beschneiden.

Ich flipp derweil aus, weil ich es absolut nicht schön finde, vorne auf der Sichtfläche helle Schnittstellen zu haben. Und ich mag Bäume so, wie sie gewachsen sind.

Nützt nix... schnickschnickschnick und schon sind die rituellen Schnittflächen in den Sichtbereich gesetzt. Mindestens fünf!

Resignierend bitte ich ihn, das Tannengrün auf die Terrasse vor dem Wohnzimmer zu legen, damit ich es noch zum Dekorieren verwenden kann. Der Mann hingegen ignoriert in aller Regelmäßigkeit diese Bitte und wirft das Tannengrün irgendwo hin, auf dass man es nicht mehr verwenden kann.

Mittlerweile hat die alljährliche Halsschwellung bei beiden eingesetzt.

Diese verstärken wir nun erfolgreich dadurch, dass der Mann stundenlang unter der Tanne saugt und mir dabei mitteilt, dass ich nicht in der Lage bin, richtig zu staubsaugen oder zu selten staubsauge oder zu oberflächlich und das, seit er nur noch am Wochenende da ist, Sodom und Gomorrha quasi als Untermieter bei uns eingezogen sind.

Daraufhin werfe ich ihm vor, dass er sich raushalten soll, da er sich selbst nicht gerade mit Arbeitseifer bekleckert, obwohl auch er hier Dreck macht. Und kritisieren darf nur, wer besser ist.

Weiter geht es nun mit dem heiteren Lichterketten setzen.
Männerjob.
Ich bin ja nicht blöd.
Das piekt viel zu sehr und so Fummelskram ist nichts für mich.

Während der Mann die Lichterketten in den Baum flucht, ist es besser räumlich größeren Abstand zu nehmen.

Aber das kann er tatsächlich gut. Da er Pedant ist, gibt es wohl kaum einen Baum mit gleichmäßigerer Kerzenverteilung. Da ist er ähnlich gründlich wie bei der Organisation des Spülmaschineninnenlebens! Toll!

Zwischendrin müssen natürlich die Kinder noch aus dem Bett gekegelt werden. Man erteile ihnen - noch schlaftrunken... - einen Sack voll Arbeit und lasse sie schon vor dem Frühstück eskalieren, rege sich anschließend über dieses faule Volk auf und überlade sie mit Floskeln a la "Das hätten wir uns früher nicht getraut!".

WICHTIG!

Die Kinder reagieren auf ihre Weise, schmeißen ggf. Zimmertüren.

Man wundere sich gemeinsam über diese frechen Kinder! 

Und nun können wir uns den ein oder anderen Erziehungsfehler gegenseitig herzlich vorwerfen. Hierbei ist es essentiell die "PLUS EINS"-Strategie akribisch anzuwenden. Bedeutet, dass, was immer der andere soeben an Bemerkung ins Spiel gebracht hat, die nächste Bemerkung PLUS EINS schlimmer sein sollte.

Üblicher Weise äußere ich an dieser Stelle zischend meinen Herzenswunsch nach einer einsamen Zweizimmerwohnung mit kleinem Balkon für mich alleine.

Den Gipfel der Anspannung erreichen wir dadurch, dass der Mann mir in dieser Situation bei der Wohnungssuche quasi gerne behilflich sein möchte.

Und wir sind sauer und gestresst und böse.

Aber genau an diesem Punkt wandelt sich alles.
Warum auch immer.
Vermutlich haben wir dann genug Druck abgelassen.

Alle Jahre wieder....

Wir fahren runter, beseitigen die Kartons, die das Schmückmaterial beinhaltet haben, trinken friedlich und gemeinsam eine Tasse Kaffe, sind entspannt und freuen uns auf Weihnachten.

Der Mann fotografiert stolz den diesjährigen Weihnachtsbaum.
Und wir befinden diesen Baum als den schönsten, den wir jemals hatten.
Wie jedes Jahr.
Wir haben Fotos von 17-Baumjahren.

Das sind unsere vorweihnachtlichen Rituale.
Nicht in Gänze, aber schon...

Hmmm...



Sti-hille Nacht, heilige Nacht...
Teilen