Freitag, 9. November 2012

Für Luisa: Warum springen manche in der Zielgeraden ab? - Rückfallgefahr #4

Du hältst dich beinhart an die Vorgaben deiner Diät/Ernährungsform.
Die Kilos schwinden.
Du kommst deinem jahrelang heiß ersehnten Ziel greifbar nah.

Und dann machst du aus heiterem Himmel den eingeschwungenen Doppelaxel mit zweifacher Schraube und Fechterflanke aus dem System?

Warum?

Folgende Gründe kann ich mir vorstellen:



1. Zu hoher Druck

Du wolltest es.
Du wolltest es so sehr.
Und du wolltest es schnell.

Vielleicht weil du in zwei Monaten auf ein(e) Taufe/Party/Firmenfeier/Klassentreffen/Hochzeit eingeladen bist und optisch Furore machen möchtest oder eventuell sogar musst. Vielleicht weil du Angst hast, dass deine Beziehung sonst in die Brüche geht. Weil der Urlaub im Süden vor der Tür steht und du den nun wahrlich nicht im Kaftan an der Playa verbringen möchtest. Bauch einziehen reicht schon lange nicht mehr aus.

Also hast du dir den knallharten Weg rausgesucht.

Du zählst dir jede Kalorie in den Hals, notierst alles, was deine Lippen kreuzt. Du würgst Eiweißshakes runter und redest dir (ommmmmmmm...) ein, dass es wirklich - ey wirklich - gut schmeckt. Oder es gibt nur Pute - fettarm in Sprudelwasser gebraten - mit Salat - natürlich ohne Dressing.

Während deine Freunde sich die Pizza geben, sitzt du dazwischen und nagst an deinem Salat - mit Pute und ohne Dressing, versteht sich.

Du zwingst dich, vier Liter Wasser mindestens am Tag zu trinken und wenn du abends noch einmal auf die Waage steigst und deutlich mehr wiegst als am Morgen, ist der Tag ein schlechter.

Selbstverständlich nutzt du die Zeit auch für intensivsten Sport.
Von Null auf Granate.

Du rennst, schwingst Gewichte, crunchst, verbeisst dich in Mädchenliegestütze, flitscht dir das Theraband um die Ohren, schwimmst Bahn um Bahn... Morgens und abends. Auch die Mittagspause kann man gut dafür nutzen. In die Kantine gehst du eh nicht mit, denn deinen Salat kannst du auch am Schreibtisch essen - mit Pute ohne Dressing versteht sich. Zum Nachtisch ein Löffelchen Magerquark pur, denn das hast du dir nach dem Sport ja wohl verdient!

Der Körper schmerzt. Es übertönt fast dein Hungergefühl, deinen Schmacht.
Aber nur fast.

Dann kommt der Tag.
Es reicht.
Du hast die Nase gestrichen voll.
Von der Einseitigkeit, von den Nahrungsmitteln, die du ständig essen sollst, aber eigentlich gar nicht magst. Von dem konstanten Hunger, den unruhigen Nächten, der Unruhe, der Verzweiflung.

Klar, dass du alles hinschmeißt.

Vermutlich wirst du direkt den Kopf erst einmal im Kühlschrank versenken und eine längere Weile drin stecken lassen.

Das wars.
Ende!

Und der Lerneffekt bei dieser Art des Abnehmens ist NULL.
Oder sogar MINUS 99.


Denn obendrein bist du jetzt noch Jojo-Kandidat(in) und wirst vermutlich sehr schnell schwerer sein als vor dieser Abnehmattacke...


2. Du verlierst deine fetteste Ausrede
oder: Angst vor der eigenen Courage???


Zeit für glasklare Worte.
Mit konzentriertem Stilmittel der Übertreibung und natürlich passt es nicht auf jeden.

Darf ich, weil kenn ich selbst!

Deine dicke Hülle ist dein Schutzpanzer. Grund für alles Mögliche, was eventuell im Leben nicht funktioniert.

Die Vorgesetzten haben sich für eine(n) andere(n) Bewerber(in) auf deinen Traumjob entschieden.
Das liegt einzig daran, dass diese Unmenschen ein Vorurteil Dicken gegenüber haben.

Du könntest dich natürlich in Abendkursen fortbilden.
Aber das traust du dich nicht. Wenn du erst einmal schlank bist, machst du aber Karriere. Hossa.

Du bewegst dich so gut wie überhaupt nicht.
Schließlich bist du dick, funktioniert nicht. Das geht wirklich nicht. Kein bisschen. Wenn du dünn wärst, ja DANN... DANN würdest du natürlich. Vor allem würdest du dann schwimmen. Jetzt traust du dich nicht ins Schwimmbad und ins Fitti auch nicht. Da wimmelte es von oberflächlichen Menschen.

Du vernachlässigst deine Optik, gehst in "Sack und Asche" - denn nichts sieht schön an dir aus.
Mit der Wunschfigur hättest du das Problem nicht, dann kannst du tragen, was DU willst.

Einen Partner hast du seit Ewigkeiten nicht gehabt oder du wurdest akut verlassen.
Wer soll so was Dickes auch wollen? Das hat nur was mit der Körperfülle zu tun.

Es fällt dir schwer neue Menschen kennenzulernen.
Schon wieder in erster Linie Vorurteile gegen Dicke. Na okay, dass du dich seit Monaten nicht aufraffen kannst, raus zu gehen, um überhaupt neue Menschen kennenlernen zu können, hat nur etwas damit zu tun, dass du dich dann unwohl fühlst. Wenn du erst einmal schlank bist, wirst du Unmengen toller Menschen um dich haben, die deine Qualitäten zu schätzen wissen und deine Freunde sind.

Du kannst persé für nichts was, schon gar nicht dafür, dass du so dick geworden bist.
Das sind die Drüsen, die schweren Knochen, das genetische Erbe, der Stoffwechsel (Liste beliebig erweiterbar). 

Moah, schlimm, schnell einen Schokoriegel drauf gegessen.

Dennoch hast du irgendwann den Absprung geschafft und nimmst tatsächlich ab.
Dein Schutzpanzer weicht.

Du gehst raus und merkst:
Oha, es gibt da draußen trotzdem Gegenwind.

Und jetzt hast du keine Universalausrede mehr.

Eventuell musst du nun schrittweise lernen/erkennen, dass die andere Bewerberin schlichtweg besser war, du doch nicht smart genug für die erträumte Karriere und du einfach nur ein Bewegungsmuffel bist, man auch im geringeren Format erstaunliche Problemzonen haben kann, die Typen/Typinnen dich trotzdem nicht wollen, es dir immer noch schwer fällt, auf neue Menschen zuzugehen...

Windig mit den neuen Erkenntnissen?
Ausredenschutznetz löchrig geworden?

Uuppss..


Moah, schlimm, schnell einen Schokoriegel drauf gegessen.
Und direkt noch einen.

Man könnte auch sagen:
Abnehmen ist nichts für Feiglinge!


***********************************************

Beim nächsten Mal geht es weiter mit:


3. Du gönnst dir den Erfolg nicht

und 

4. Scheiß Ausnahmen! (der schleichende Rückfall)

Sonst wird das zu viel auf einmal...
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Kommentare:

  1. Ich glaube ich kann hier noch einen Punkt ergänzen, warum man so oft auf der Zielgeraden abbricht.
    Man schaut sich im Spiegel an und denkt: Wow, so viel hab ich schon erreicht. Klar, 8 Kilo fehlen eigentlich noch, bis zum Ziel. Aber so ist das schon mal gar nicht schlecht."
    Die Komplimente der anderen bestätigen einen, dass es so doch schon ganz gut ist.
    Und man denkt sich: Klar. Eigentlich brauche ich mich nicht mehr abquälen. Ich bin zufrieden so, wie es jetzt ist."
    Und dann kommt das, was du liebe Sudda hier schon oft beschrieben hast. Man isst wieder "normal", heißt: Man isst wieder falsch. Gönnt sich, weil man hat ja eigentlich fast geschafft, was man wollte. Und schwupps, hat wieder man ein paar Kilo zugenommen.
    Vorsicht vor der Zufriedenheit, sage ich! :)

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    1. Genau, Anne!

      Danke für deinen Kommantar!

      Du hast völlig recht und eigentlich schon prima beschrieben, worauf ich mit meinem Punkt "Scheiß Ausnahmen!" im nächsten Post hin will.

      :)

      Liebe Grüße
      Sudda

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    2. ... worauf ich mit dem Punkt hinaus will... meinte ich natürlich

      Weia!

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  2. Für mich war der Grund in vergleichbarer Situation früher immer derselbe: Der Leidensdruck schwindet mit jedem Kilo.
    Sowie ich mich nicht mehr total fett gefühlt habe, fehlte die Power, mich weiter einzuschränken.

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    1. Ja, der Leidensdruck.

      Der macht mir das Leben auch schwer.
      Mein Gewicht steht wie einbetoniert, immerhin nehme ich nicht zu.

      Aber dieser Biss,
      dieser absolute Wille,
      der ist gerade im Urlaub.

      Irgendwie würd ich schon gerne noch die letzten 4-5 Kilos abnehmen, aber gleichzeitig finde ich mich toll, bin leistungsstark, finde nette Klamotten und finde es superentspannend, dass ich einfach so vor mich hinleben und essen kann, ohne ständig denken zu müssen.

      Aber Svenjaschnuppi, du bist doch eh schlank wie eine Gazelle.
      Deine Beine...

      *soifz*

      Ganz liebe Grüße
      Annika

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  3. Im Moment fließt es ja aus den Finger.
    Klasse.

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  4. spannend... und wie immer seeehr gut geschrieben/beschrieben...

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  5. shice, DAS war hart!!!!!
    nashua

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