Freitag, 9. November 2012

Mach dich locker

Wie ich vor einigen Tagen erzählt habe, hatte sich E., eine Kursteilnehmerin meines montäglichen Pilateskurses, bereit erklärt im Anschluss eine entspannende Traumreise mit uns zu machen.

Traumreise.

Eigentlich etwas, bei dem sich mir früher die Fussnägel hochgekringelt haben. Mich hinlegen, abschalten, die Gedanken loslassen, das fällt mir nicht leicht.

Ich bin eher die, die dabei schon einmal  eine imaginäre Einkaufsliste erstellt, die Termine für die kommende Woche durchplant oder was weiß ich.

Vielleicht empfinde ich es als Kontrollverlust, wenn ich die Gedanken loslasse, und das mag ich nicht. Ebenso wenig wie Ski fahren oder Schlittschuh laufen oder die ekligen Fahrgeschäfte auf Rummelplätzen oder in Vergnügungsparks.

Schweinchen Schlau (kennste nicht? Kickste drauf!) ist eine begnadete Traumreiseleiterin und daher war es immer wieder mal Gegenstand ihrer Stunde. Woah. Da hatteste ne geniale Stunde und dann "sowas".

Also lag ich da unentspannt rum und harrte dem Vorbeisein, während andere Menschen 10 steinerne Stufen auf und ab marschierten, murmelnden Bächen lauschten oder die intensive gelbe Fünf sahen.

"Oh, das Gelb hat mich richtig umarmt. Die Fünf strahlte mir nur so entgegen", brüstete sich eine Teilnehmerin.

"Schleimer, tse,", dachte ich. Dafür wusste ich immerhin, was ich Morgen dringend noch einkaufen musste. Praktisch.

Schweinchen war übrigens immer wieder für eine  Überraschung gut... Unvergessen das WarmSCHÜTTELN am Anfang der Stunde!

"Hejahejawohawohahejahejawohawohahehehehehejaheja.." dröhnte die warme, dunkle Indianerstimme aus der Box und dazu sollten wir einfach im Stehen die Augen schließen und unseren Körper rhytmisch schütteln und bewegen. Instinktiv.

Diese Stunden läutete das Schweinchen gerne mit einem Kommentar a la "Und wir beginnen die Stunde mit Suddas Liebglingsaufwärmung"... da wussten ALLE genau, was jetzt kommt.

Zappzarapp fühlte ich mich zurückversetzt in die Schulsportstunde "freies Tanzen" - dem meine Sportgruppe (alles Mädels) verpflichtend beiwohnen mussten. Hat schon was, wenn du als Pubertierende "Würstchen in der heißen Pfanne" oder "Feder im Wind" darstellen sollst, während sich die Jungs oben auf der Tribüne mit Schnappatmung kreischend auf dem Boden abrollen.

*narf*

So viel zur Vorgeschichte.

Aber weil ich E. wirklich sympathisch finde und mich tierisch über ihr Engagement gefreut hatte, war ich bereit für sie powerzuentspannen. Schon während der Pilatesstunde achtete ich daher darauf, dass es eine eher ruhige Stunde war und gegen Ende zwar immer noch intensiv, aber entspannt intensiv war.

Wir fuhren das Licht runter und ich versuchte, es mir auf der Matte gemütlich zu machen. In meinem Kopf Gedanken wie "komm runter, komm jetzt runter. Entspann dich. Ommmm, verdammt!"

Dummer Weise war der Raum recht kalt und ich ärgert mich, dass ich daher meine Jacke anbehalten musste und sie nicht unter den Kopf packen konnte.

"Nicht ärgern, ommmmm und so!"

E. hatte einen Korb mit Muscheln mitgebracht und wir durften uns jede eine aussuchen und legten uns dann bereit.

Drückt es am Po, die Hose will in den Schritt... Porkelporkel... Schubberte meinen Körper so lange auf der Matte bis ich die richtige Position hatte.

Augen schließen.

HALLO!

Augen schließen!
BEIDE!

Auch das linke!!

Das linke wollte die Kontrolle immer noch nicht aufgeben und lag so halboffen rum. Holzauge sei wachsam? Schloss ich es eben mit der Hand.

E. begann leise und ruhig zu sprechen. Und ich merkte, wie der Atem immer ruhiger floss. Ganz von selbst atmete ich tief und ruhig ein und...


... war weg.

Komplett abgeschaltet.

Ich!

Nein, ich hab nicht geschlafen, aber ich konnte mich komplett darauf einlassen. Und die halbe Stunde kam mir im Nachhinein vor wie 5 Minuten!

Cool.
Darüber habe ich mich richtig gefreut.

Danach war ich so komisch wach-müde. Sowohl als auch. Aber frisch (was dazu führte, dass ich den Abend noch bis nach 2 Uhr wach war - aber das habe ich nicht als negativ empfunden).

Danke an E.
Das hast du super hinbekommen.
Gerne wieder.
Sehr gerne!!

Man wird anscheinend tatsächlich alt wie ne Kuh und lernt doch dazu.


Könnt ihr gut entspannen???
Für mich ist es definitiv eine Herausforderung...



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Nachher geht es mit der Rückfallserie weiter.
Ich hatte den Eindruck, dass wir alle nach den intensiven, langen Texten eine Auszeit brauchten. Oder?


Bis dahin:




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Kommentare:

  1. Sudda, warum finde ich mich so oft in Deinen Beschreibungen wieder? Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns recht ähnlich sind vom Typ. Ich, entspannen nie nicht, schon gar nicht wenn andere dabei sind ... und dann brachte man mir das autogene Training bei. Nichtsdestotrotz mag ich es bis heute nicht in einer Gruppe rhythmisch zu schütteln oder gelbe Fünfen zu umarmen. Meine Gedanken dazu behalte ich dann auch gerne für mich. Nur gelegentlich rutscht mir, im Zuge der vorangegangenen nicht stattgefundenen Tiefenentspannung eine Bemerkung heraus, die dazu führt, dass ich sturzbachartig auf der Beliebtheitsskala, innerhalb von einer Sekunde, ganz nach unten rausche - bei allen Teilnehmern egal, ob bei denen mit gelber 5 oder nicht. ;)

    The Queen of Schachtelsatz

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    1. SCHWESTERDERSEELE!!!

      Och, ich konnte mein vorlautes Mundwerk noch nie halten, aber die anderen haben selten getraut mir zu widersprechen.

      Außer Schweinchen, die hat immer über meine Kritikattacken "drübergebürstet". Der war das sowas von schnurzpiepe, was die Frau Sudda wieder für Befindlichkeiten hatte.

      Öm.

      Aber jetzt bin ich ja eigene Kursherrin.

      Und rate mal, was es in MEINEN Stunden normaler Weise NICHT gibt?

      :D

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    2. Gelbe, tiefenentspannte Fünfen, rhytmisch geschüttelt!

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  2. Lach, ich seh dich förmlich mit dem einen offenen Auge da liegen.

    Sag ich doch: lern mal loszulassen, das! tut! nicht! weh!
    Aber dazu später noch mal mehr...

    Schön, dass das mal geklappt hat...
    Bei mir ist das autogene Training zwar schon wieder drei Jahre her, aber wenn es heiß her geht kann ich mich jetzt noch von jetzt auf gleich in eine entspannte Situation versetzen.
    Zwei Minuten, und du bist wieder geerdet...

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    1. Ja, jenau.

      So wie Popeye, also das Auge.

      :D

      Durfsteste eigentlich auch mal mit Schweinchen schütteln?

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    2. Sischer datt!

      Unvergessen.. Vor allem wenn de wie ich damals noch die Überhangmandate an den verschiedensten Körperstellen erst einmal ins Ruckeln gebracht hast und dann die Massenträgheit einsetzt, d.h. die Bewegung ruckelt ab- während die Rulzen noch aufwärts wogen und umgekehrt, dann erreichst du eine Körperhüllenverwirrung gegen die ein chinesischer Faltenhund im Windkanal echt arm aussieht.

      Danke nochmal Schweinchen Schlau für dieses einzigartig neue Körpergefühl ;-)

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  3. Hihi, das erinnert mich an meine Ausbildung. Bei jeder meditativen Übung bei der es hieß: Wir schließen unsere Augen.. waren meine noch offen - nichtmal halboffen, so richtig offen. Bis mein Name fiel samt Aufforderung: Auch du schließ bitte deine Augen. Habe allerdings gemerkt dass ich das recht gut kann wenn ich allein bin und kein Kreis mit X Personen noch im Raum. Sich so richtig in sich selbst zu versenken tut manchmal tatsächlich gut. Von gelben Fünfen hab ich allerdings noch nix gehört und ich gestehe bei so mancher Stimme und mancher Übung konnt ich mir seinerzeit, obwohl an und für sich offen, ein innerliches Grinsen nicht verkneifen.

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  4. Herrlich! Der Tag fängt wieder mal mit einem fetten Grinsen an - dank Sudda! Entspannungsmäßig geht es mir wie dir - loslassen ist schwer! Könnte ja sein, dass man anfängt zu schnarchen wie die Olle links oder zu sabbern wie der Typ hinten rechts! Also lieber Zeit "nützlich" verbringen, mit Einkaufslisten, Weihnachtswunschzetteln, etc.
    Aber wahrscheinlich kommt es - neben dem richtigen Moment - auch auf den "Anleiter" an. Meine Pilatestrainerin macht auch gelegentlich Entspannungsübungen, aber ihre Stimme ist so quietschend, dass es eher den gegenteiligen Effekt hat.

    Allen einen entspannten Tag,
    die Andi

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  5. Die unentspannte Frau Kati macht seit einiger Zeit Yoga incl. Entspannungsteil am Ende und ich lieeeebe es inzwischen.
    Früher konnte ich auch nie loslassen und in Gruppen entspannen. Kann aber auch an meinem traumatischen Pädagogikstudium liegen :D
    Schütteln kann ich inzwischen supergut, dank Zumba. Gester abend gab es wieder ein Lieblingslied von mir: Peter Fox-"Schüttel dein Speck"...wird entsprechend performt *lol*
    Hätte ich aber in meinen richtig dicken Phase sicher nicht gemacht.

    Heute darf der Hintern und die Brust gern wackeln, dafür hab ich die ja :D

    LG

    Kati

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  6. Hahaha, das haette auch mich beschreiben koennen. "Wir entspannen jetzt", in dem Moment kann ich meine Muskeln zucken fuehlen. Von wegen Entspannen!!

    Ich habe ja nun Hypnose gemacht (wegen meiner Phobie) und mein Problem war auch da immer das loslassen, dieses keine Kontrolle haben. Ich habe das dann mit jemandem gemacht, den ich schon kannte und vertraute. Das machte das ganze einfacher.

    Seit dem finde ich es einfacher, mich auf solche Entspannungsuebungen einzulassen. Ich finde es allerdings oft einfacher, mich auf meinen Koerper zu konzentrieren, Muskeln zu fuehlen und ganz bewusst zu entspannen. Manche nennen das "body sensing". Ist fuer mich einfacher, als eine gluehende 5 zu umarmen *kicher*

    Bikey xx

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  7. Wenn dir eine halbe Stunde wie 5 MInnuten vorgekommen ist, dann bist du evtl. eingeschlafen. Aber das würde ja nüscht machen, wenn Du dabein entwpannst. Prima finde ich die Muskelentspannung nach Jacobsen. Sehr zu empfehlen für Menschen, die sich nicht so auf "Traumreisen" etc. einlassen können.

    Das einzige, was mich wirklich tiefenentspannt ist eine halbe Stunde Akupunktur bei meiner Lieblings-Akupunktur-Frau Susanne (TCM-Ärztin).
    Vorher ein halbstündiges Gespräch und dann auf die Liege. Booahh... die Gute ist noch nicht aus dem Raum, da klappt mit der Unterkiefer runter und alles verschwindet in einer Traumwelt zwischen hier und dort. Nebenbei verschwinden einige der Schmerzen.
    Ich könnte eigentlich nächste Woche mal die Susanne anrufen!

    Grüße
    Oona

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