Freitag, 24. Februar 2012

Tot essen

Als ich letztens einkaufen war, überholte ich mit meinem Einkaufswagen im fliegenden Gallopp jemanden.

Normal.

Ich kann - aus welchen Gründen auch immer - nicht normal und entspannt einkaufen, sondern "renne" einkaufen. Vermutlich weil ich es nicht leiden kann, weil "schneller daran, schneller davon" ist. Vielleicht aber auch, weil ich es gewöhnt bin, mich beim Einkaufen zu beeilen, weil Zuhause noch Pflicht XYZ lauert.

Nichts Genaues weiß man.

Dieses Mal stutzte ich während des Überholvorgangs, schredderte quietschend um die Regalecke und sah zurück.

Hinter mir keuchte ein immens dicker Mann mit seinem Rollator durch die Gänge. Er konnte kaum gehen und sein Gesicht war vor Anstrengung puterrot. Auch der Rollator musste eine Sonderanfertigung sein, denn der war mehr als doppelt so breit wie eine herkömmliche Version.

Der Mann war kaum größer als ich und meine innere Waage schätzte ihn auf deutlich über 200 kg. Bewusst habe ich einen solch dicken Menschen noch nie angesehen. Immer eher vorbei gesehen, nur ja nicht anschauen, weil es peinlich wäre, dabei entdeckt zu werden.

Aber aus meiner Deckung hinter den Chipsstapeln wagte ich den Blick.

Der Schweiß perlte über sein Gesicht.

Nein, alt war er nicht. Vielleicht etwas älter als ich. Aber nicht wesentlich.

Hart atmend warf er die Feststellbremse in seinen Rollator und ließ sich auf der Sitzfläche nieder.

Pause.
Er brauchte dringend eine Pause.
Das war unschwer zu sehen.

Dabei hatte er gerade mal 30m im Laden zurückgelegt.

Neugierig (gebe ich zu) beobachtete ich ihn. Schob mir eine Packung zur Tarnung vor das Gesicht und tat so, als würde ich die Inhaltsangaben eines Produktes intensiv lesen, sah aber daran vorbei.

Er nestelte ein Stofftaschentuch aus der Jacke und wischte sich den Schweiß von der riesigen Gesichtsfläche. Der Atem ging immer noch schwer.

Er wartete.

Und da kam sie.

Vermutlich seine Frau.
Gertenschlank.
Mit flitzendem Einkaufswagen.

Nach Luft schnappend konnte er nicht sprechen, also deutete er mit seiner massiven Hand einfach nur auf den Chipsberg.

"Vier, wie immer?", fragte sie gut gelaunt.

Er nickte stumm.

Und so porkelte sie vier Bigsize-Chipstüten aus dem Regal und warf sie in ihren Einkaufswagen.

Von meinem sicheren Platz aus konnte ich erkennen, dass die Tüten sich dort mit Schokolade, weißem Toast und Nussnougatcreme tummelten. Außerdem waren da noch drei Sechserpacks Cola. Die großen Flaschen.

Ich war fassungslos.

Was taten sie da?

Langsam hinrichten?
Dass er das nicht mehr lange überleben würde, lag auf der Hand.
Schon in diesem Zustand konnte ich nicht mehr viel Lebensqualität sichten.

Jedenfalls meiner Meinung nach.

Aber was weiß ich denn?
Vielleicht besteht seine Lebensqualität darin, dieses Zeugs zu essen.

Den Rest des Einkaufs über sammelten sich immer mehr ähnliche Produkte im Wagen. Das einzig Grüne war auf der Chipsverpackung aufgedruckt. Noch nicht einmal ein Alibifussel Gesundes.

Nachdenklich verließ ich den Laden.

Habe mich schon so oft gefragt, warum Mitmenschen solchen Menschen die Möglichkeit geben, sich tot zu essen. Denn er wäre niemalsnienicht in der Lage gewesen, sich die Waren selbst zu holen. Wäre noch nicht mal in der Lage gewesen, den Laden zu betreten, weil er bombensicher nicht Auto fahren konnte.

Was wäre denn, wenn sie sich weigern würde, solche Produkte zu kaufen?

"Dann hol du sie dir, wenn du sie haben willst!"
So in dem Stil.

Nein, für mich ist das keine Beschneidung der persönlichen Rechte.

Oder denke ich zu schwarz/weiß?

Ich würde doch auch keinem alkoholsüchtigen und zusätzlich augenscheinlich gesundheitlich schwer angeschlagenem Menschen einen Sechserpack Korn kaufen.

Heim fuhr ich mit der tiefen Dankbarkeit im Herzen, dass ich es geschafft habe, von diesem Zug abzuspringen. Bei voller Fahrt.

Wie seht ihr das?

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