Montag, 5. November 2012

Für Luisa: Jetzt ist eh alles egal - Rückfallgefahr #2




Hier nun Teil 2 und wir befinden uns immer noch bei den "schlagartigen Rückschlägen".

Du machst eine Diät und hast dir wirklich in den Kopf gesetzt, dass es dieses Mal funktionieren wird. Eigentlich machst du fast immer eine Diät, denn so willst du auf gar keinen Fall aussehen oder bleiben. Vielleicht ist es "nur" das Optische, schlimm genug, vielleicht ist es aber auch schon lebensnotwendig für deine Gesundheit.

Am Anfang meiner dicken Karriere ging es mir ausschließlich um die Optik. Damals war ich noch nicht einmal so dick. Aber anstatt diese Aufgabe entspannt anzugehen, versuchte ich es mit allen glorreichen Ideen, die ich irgendwo aufgeschnappt hatte, und die einen rasanten Gewichtsverlust in kürzester Zeit versprachen.

Scheiß was auf die Gesundheit, ich wollte schlank sein. Und zwar so schnell wie möglich.

Und daher ist mir von allen Diäten, die durchs Orbit kreisen, fast nichts fremd.

Ich malträtierte meinen Körper und den Geruchssinn meiner Familie mit Kohlsuppe. Ich trank Eiweißdrinks, die mehlig im Rachen klebten und redete mir ein, dass sie wohlschmeckend waren. Ich riss mir Diäten aus Zeitschriften heraus und befolgte sie auf den Millimeter genau. Dabei ging es meist darum, Fett einzusparen, so dass am Ende das einzig Fettige in meinem Leben die Handcreme war, mit der ich meine Hände pflegte. Ich zählte Punkte und schob meinen dicken Hintern in die Treffen, die ich a) langweilig, b) total teuer und c) entwürdigend fand. Entwürdigend, weil ich mich wie ein kleines Dummchen bei der Hand genommen fühlte, das von nix ne Ahnung hat.

Aber heeeee da, ich war Diätprofi!

Ich habe meterweise Bücher über das Abnehmen, Tabellen, Listen, Kochbücher. Du bestimmt auch, oder?

Jede Diät begann ich hocheuphorisch.
Ich müsste ja nur ein paar Wochen durchhalten, dann wäre ich schlank.
Nur 500 kcal am Tag? Für etwa zwei Monate oder drei oder vier?
Das ist ein übersichtlicher Zeitraum und es wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde.
Danach wäre alles super und ich könnte wieder normal essen.

An das Schlanksein verknüpfte ich große Emotionen und Erwartungen:

Ich würde...
selbstbewusster, schöner, könnte alles anziehen, die Menschen würden staunen, die Männer mich begehren (doch, das ist auch dann ein tolles Gefühl, wenn man verheiratet ist - machen wir uns nix vor), sportlich, immer gut drauf, glücklich, zufrieden, könnte mich im Leben anders durchsetzen, würde ausgehen und feiern, wäre gelöst auf Feiern, wäre erfolgreich, alle würden Kontakt zu mir suchen, mich bewundern, eine starke Frau.

Oder anders gesagt:
Fast alles, was in meinem Leben schief lief, schob ich dem Übergewicht zu. Nichts anderem.

(Den Rest schob ich übrigens dem Schicksal, meinem bisherigen Leben und diversen Menschen um mich herum zu...)

Die Verknüpfungen an sich können natürlich abweichen, je nach Lebenssituation.

Ich startete den xten Versuch und es funktionierte tatsächlich.
Siehe da, man muss sich nur dran halten und es funktioniert.

Das ist so mit Diäten...

Aber der gewählte Weg war üblicher Weise wirklich steinig und forderte alles an Disziplin von mir ab, was ich auf Lager hatte.

Ich war hungrig, frustriert, genervt und wenn ich nicht am Morgen stets "gute Zahlen" (Abnahme) auf dem Display gesehen hätte, wäre ich eingeknickt. Sofort.

Überhaupt die Waage.
Sie beherrschte mein Leben.

Sie bestimmte die Laune des Tages.

Große Abnahme = beste Laune
Wenig Abnahme = angeranzte Grundstimmung
keine Abnahme = halber Weltuntergang

Dingen war, dass ich genaue Vorstellungen davon hatte, wie viel ich abzunehmen hätte.
Hatte ich lecker nach der Kalorientheorie berechnet und wie so viele hatte ich innerlich Ziele festgelegt, wie "bis Weihnachten/zur Party von xy/zum Sommerurlaub nehme ich 20 kg ab".

Zusätzlicher Druck.

Und diese - ordentlich in Listen kalkulierten - Gewichtserwartungen hatten sich gefälligst auf der Waage zu erfüllen, sonst war Essig...

Was ich damals nicht bedachte:

IRGENDETWAS musste doch zum Übergewicht geführt haben. Seelische Dinge und der Zwang, Emotionen mit Essen herabzutönen.

Aber da war es so wie mit der Gesundheit... Scheiß was drauf.

Denn... logo... wenn ich erst einmal schlank wäre, würde sich ja alles zum Perfekten wenden! (Auflistung s.o.)

Dann gäbe es nie wieder Emotionen, die ich abtönen müsste, weil ja ab dem Moment (bei Gewicht xy) alles immer und immer Wölkchen und tutti sein würde.

Dass man einer solchen Crashdiät oder eine Diät mit strengsten Vorgaben, die einem persönlich nicht liegt, oder eine Diät mit hohem Aufwand im Alltag nur schwer folgen kann, ist mal logisch.

Manchmal versuchte ich mir das Ganze schön zu reden. Dass ich nur die ersten Kilos damit abnehmen würde, denn dann wäre der Magen geschrumpft und ich könnte etwas lockerer vorgehen, weil ich a) schon einen achtbaren Anfangserfolg hätte und b) nicht mehr so hungrig wäre.

Aber ganz ehrlich gesagt:
Ich litt unermesslich unter meiner Selbstkasteiung.

Seid ihr bei mir?
Könnt ihr euch mich in der Situation vorstellen?

Und es kam "so ein Tag".

"So ein Tag", den ich im letzten Text beschrieben habe.
"So ein Tag", der zu "Ich brauche das jetzt" führte.
Die Widerborstigkeiten des Lebens waren in der Situation überstark und ich knickte ein.

Obwohl ich zusah nichts "Gefährliches" im Haus zu haben, fand sich immer etwas. Oder aber ich kaufte es mir gezielt. Wobei eigentlich fast alles im Vorrat taugte, wenn ich etwas brauchte. Die meisten Nahrungsmittel waren schließlich nicht in einer solchen Diät vorgesehen. Dazu reichte eigentlich schon ein Teller Nudeln mit Halbfettmargarine (logo, was sonst!) und Ketchup, was wohl jeder vorrätig hat.

Ich brauchte das jetzt und wenn ich das gegessen hätte, würde ich einfach wieder wie zuvor weitermachen. Haargenau. Vielleicht sogar noch ein bisschen strenger als vorher. Damit könnte ich diesen Fauxpas spielend ausmerzen.

Oben hab ich ein kleines Bildchen reingebastelt. Und ihr seht, dass ich zwischen "Ich brauche das jetzt" und "Jetzt ist eh alles egal" eine "seelische Hürde" gesetzt habe.

Ihr kennt die.
Das ist der Unterschied zwischen "ich hack mir mal ne Ausnahme rein" und "ich werfe das Handtuch".

Die Ausnahme, das was ich in der Situation brauchte, rutschte göttlich-wohlig in meinen Magen. Wärmte. Machte glücklich. Kickte meine verhungernde Zuckersucht. Ich fühlte mich geerdet.

Aber im Prinzip war es doch so, dass diese harte Diät mich ausgehungert hatte. Ich verhielt mich wie ein Mensch, der fast verdurstet im letzten Moment doch noch die Oase erreicht und erst einmal den Kopf in das Wasserbecken halten kann.

Nachdem ich "die Ausnahme" verschlungen hatte - und von genießen kann keine Rede sein, denn ich habe auch so schnell und hektisch gegessen, wie ein Verdurstender trinken würde - setzte ich mich auf und "kam zu mir".

Denn zwischen "Ich brauche das jetzt" und "Jetzt ist eh alles egal", genau auf Augenhöhe der seelischen Hürde, kam üblicher Weise ein "wach werden".

*BÄM* 

Schlag ins Gesicht.

Du Null, du Garnix, du undiszipliniertes, verfressenes Miststück... Du bekommst wirklich nichts auf die Reihe, oder? Friss dich doch tot, wenn es das ist, was du am Besten kannst.

Mir stieg Hitze ins Gesicht und ich schämte mich, krümmte mich seelisch unter meinen Selbstvorwürfen.

Ich weinte.
Wie ich es auch als Kind tat, wenn ich geschimpft wurde.
Ich war zornig auf mich, aber noch wesentlicher war, dass ich mir unendlich leid tat.

Ich armes Geschöpf.
Das tat weh.
Das tat viel zu weh.

Nur selten bekam ich an dieser Stelle noch die Kurve.

In der Regel brachen die Dämme und ich aß alles, was mir in die Finger kam.
Denn jetzt war es eh egal.
Ich hatte schon durch die Ausnahme meine ganzen Pläne zerstört.

Überhaupt...
Ich könnte ja Morgen weitermachen.

Tausend unterschiedliche Gedanken flitschten durch den Kopf.

Manchmal schaffte ich es tatsächlich, am nächsten Tag wieder diszipliniert weiter zu diäten.
Manchmal.

Aber immer - wirklich immer - war es faktisch der Anfang vom Ende.
Denn ab diesem Moment wurden die "Ich brauche das jetzt"-Situationen immer häufiger, die Einschläge kamen immer näher. Schließlich hatte ich keinesfalls vergessen, wie wohlig das Gefühl zunächst war, wenn ich aß.

Und irgendwann gab ich einfach auf.

Fazit 1:
Ich hatte viel zu hohe Erwartungen an meine Abnahme und an meinen Körper. Setzte mich viel zu stark unter Druck.

Je höher die Erwartungen, bzw. je strenger eine Diät, desto krasser und heftiger der Rückschlag.

Fazit 2:
Ich wählte Diäten, die auf Dauer nicht zu ertragen waren, die überhaupt nicht zu mir passten.

Fazit 3:
Ich stellte meine Abnahme nur auf ein Bein... Die Diät an sich. Das ist sehr instabil. Je stabiler man sich positioniert, desto weniger gefährdet ist man bei Gegenwind. (Seelenarbeit, Bewegung, Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper, Familie/Freunde/soziales Umfeld sind ebenso wesentliche Beine!)

Daher hatte ich bei Gegenwind keine Ausweichmöglichkeit parat. Mir fiel nichts wirklich ein, was ich anderes tun könnte, anstelle des Essens...

Fazit 4:
Ich war weder achtsam noch liebevoll zu mir selbst. Ich war mein bester Feind.



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In #3 geht es um

"Warum erwarte ich so viel vom schlank sein?"







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