Dienstag, 6. November 2012

Für Luisa: Rückfallgefahr #3

Ich kenne beide Seiten.

Ich weiß, wie es ist, sehr dick zu sein.
Ich weiß, wie es ist, 48 kg weniger zu wiegen.

Sich ab und an ins Gedächtnis zu rufen, wie es war, fast 126 kg zu wiegen, ist für mich wichtig. Lektionen in Demut. Aber man kann sich danach schütteln wie nach einem Alptraum und sich freuen, dass man "da raus" ist. Darüber hinaus ist es auch noch nicht so lange her als dass ich es hätte verdrängen können. Dazu war die Zeit zu heftig.

Als ich dick war, wollte ich...

... frei und entspannt auf Feierlichkeiten/in die Stadt/essen gehen können, ohne das Gefühl wie ein wildes Tier angestarrt zu werden, ständig meine Klamotten nach unten zupfen zu müssen und tunlichst den Po aus der Sicht der anderen Richtung Wandecke zu parken. Ich wollte essen "dürfen", ohne Angst vor dem "boah, guck dir mal an, was die Fette schon wieder frisst"-Augenrollen. Nicht ständig mit gespitzten Ohren da stehen und den Unterhaltungen mit Bekannten nicht wirklich folgen können, damit ich eventuelle Kommentare und Blicke anderer mitbekomme. Im Nachhinein frage ich mich, wie viel davon tatsächlich passiert ist. Ob sie überhaupt redeten.

Daher ging ich selten aus. Essen in Öffentlichkeit schon gar nicht gerne. Stühle in der Eisdiele draußen? Mein persönlicher Albtraum. Meine Oberteil waren immer recht schnell aus der Form durch die andauernde Runterzieherei. Partys, wo auch Fremde kommen könnten, sagte ich unter fadenscheinigen Argumenten ab. War ich dazu gezwungen, wagte ich kaum zu atmen, stand schön versteckt und war unglücklich. Und wenn ich endlich zuhause war, plünderte ich den Kühlschrank, um den emotionalen Stress auszulöschen. 

Kennt ihr das? Ein Engpass (bspw. man muss sich in den Kinoreihen durchquetschen) und die Schamesröte steigt einem bereits bei der Planung des "günstigsten Weges" ins Gesicht, bevor man überhaupt den ersten Schritt gewagt hat? Lösung? Genau: Einfach niemals nie nicht ins Kino gehen. Ja, lacht nur. War so.

... schwimmen gehen, eine "Kerze" machen können (Rückenlage, Beine hoch über den Kopf), eine Rolle rückwärts können, entspannt im knien den Po auf die Fersen bringen können (wenn ich das versuchte, erdrückte ich mich fast mit meinem Bauch und meinem Busen - entspannen ist anders!), mit den Kindern toben, gehen ohne Schnappatmung sowie schlafen und aufstehen ohne Schmerzen. Ich fühlte mich bewegungstechnisch erheblich eingeschränkt. Wie in schwere, nasse Watte gepackt.

Damals vermied ich darum Sport. Ich merkte auch, dass ich Bewegung im Alltag immer mehr mied. Die Rolltreppe nehmen, die Kinder auf Botengänge schicken, sitzen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Ich mied offizielle Events, wo Bewegung zu befürchten war. Feiern mit Ringelpietz im Kindergarten, toben mit den Kindern auf dem Spielplatz, Freibad, blablabla. Aus Angst mich zu blamieren.

Und je weniger ich mich bewegte, um so stärker wurden die Schmerzen, desto unbeweglicher wurde ich, desto weniger Ausdauer war vorhanden.

... schlank sein. Ich fand mich selbst höchst abstoßend und es braucht jetzt auch keiner sagen, dass ich auf meinen alten, dicken Fotos irgendwie "nett" aussah. Nein, ich sah frustriert, müde, krank und alt aus. Eben genau so, wie ich mich fühlte. Und ich nehme an, dass alle anderen das genauso sahen.

... mich lieben können. Freien Herzens. Denn ich fand mich schwach, verfressen, undiszipliniert, frustiert, daher nörglerisch und viel zu nah am Wasser gebaut. Ich empfand sehr wohl viel Selbstmitleid mit mir, aber entspanntes Lieben kann man das nicht nennen.

Damals war ich kurz davor, mich einweisen zu lassen. Wegsperren. Ich kam weder auf mich noch auf mein Leben klar.

... mich auch optisch lieben können. Ich mochte mich nicht berühren, ich mochte nicht in den Spiegel sehen, ich mochte nicht anecken. 

... selbstsicherer werden, denn wie ihr an den vorher genannten Argumenten sehen könnt, hatte vieles mit meiner Unsicherheit anderen gegenüber zu tun.


Und?

Haben sich meine Träume erfüllt?

Ehrlich?

Ja, haben sie.

Allerdings folgt an dieser Stelle das langgezogene AAAABBBBBBEEERRRRR..

Das Abnehmen hat dabei nur einen ersten Auslöser gegeben.

Mit den ersten verschwundenen Kilos kam meine Freude am Leben wieder. Das war der Startkick, den ich brauchte.

Alles andere ergab sich auf dem Weg, den ich seelisch ging.

Ich arbeitete an mir:

Öffnete mich (traf fremde Menschen, ging einfach aus - auch schon als ich noch weit jenseits der 100 kg war), sprang Meilen über Schatten (Trainerschein und Kurse) auch wenn ich dabei natürlich zunächst jammerte und maunzte, Angst hatte.

Von Anfang an zwang ich meinen Blick regelmäßig in den Spiegel, ich cremte diese wabbelnde Masse ein, obwohl ich es unangenehm fand (irgendwo habe ich ganz am Anfang darüber geschrieben).

Ich lernte mich selbst zu belohnen und zu loben, lernte NEIN zu sagen. Ich setzte mich mit meinen Empfindungen auseinander, tobte, schrie, weinte und lernte, dass ich trotzdem liebensWERT bin.

Wer hier schon länger liest, hat diese Schritte bestimmt alle mitbekommen.

Denn...

ALLE OBEN GENANNTEN PROBLEME KÖNNEN SCHLANKE MENSCHEN GENAUSO HABEN!!

Ich bin nicht schlank.
Ich würde sagen, ich bin "normal".
Aber meine Seele ist schlanker als so mancher, der weniger wiegt als ich.

"Nur Diät" hilft nicht wirklich weiter, weil es außer der verminderten Aussenhülle nicht viel ändert. Ein weiterer Grund für einen Rückschlag ist, wenn man nicht eins mit sich wird.

Von daher:
Arbeitet ganzheitlich!




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Super, jetzt hat der Post sich ganz anders entwickelt, als ich das ursprünglich gedacht habe. Eigentlich wollte ich doch darüber schreiben, warum man so viel vom schlank sein erwartet.

Tut mir leid, kam von selbst so.

Beim nächsten Mal #4:

"Warum springen einige in der Zielgeraden ab?"

Da wird das ursprünglich geplante Thema mitverbastelt.
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Schneewittchen und die sieben Zwerge?

Bei mir wohnen geheime Wesen.
Unsichtbar.

ACHT STÜCK!

Denn jeden verdammten Tag muss ich mindestens 8 (!) Trinkgläser wegräumen, die definitiv nicht von mir genutzt wurden. Im Schnitt.

Fordert man die Familie nämlich auf, die Gläser in die Spülmaschine zu verbringen, erhält man stets die eine Antwort:

"Das ist aber gar nicht meins!"

Fragt man sich, wer denn nu bei uns so rumspukt...

Schneewittchen und die sieben Zwerge?
Der Wolf und die sieben Geisslein?

Fragen über Fragen!

Unverschämtheit!


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