Dienstag, 20. August 2013

Gemeinsam alt werden

Mein Hund und ich sind auch nicht mehr das, was wir mal waren.
Das ist so.

Noch vor ein paar Jahren war vor dem Hund wenig sicher. Als vermutete Kreuzung eines Terriers, dann vielleicht noch ein wenig Münsterländer und Riesenschnauzer sowie mindestens einer hysterischen Wespe, verbrachte sie die meiste Zeit ihres Lebens entweder a) rennend oder b) auf der Suche nach etwas Gutem. Lecker.

Als Junghund kannte sie da wenig Grenzen. Ob das Steak vom Teller ziehen, wenn man für den Bruchteil einer Sekunde die Küche verließ, die Schnittchen im Vorbeigehen aus der Kinderhand gemopst oder sogar das zum Abkühlen weggestellte Frittierfett... nichts war vor ihr sicher. Sie war einfach überall und wie die meisten Haustiere kannte sie das Geräusch der sich öffnenden Kühlschranktür sehr genau. Und sie wusste auch, dass es eindeutig am Lukrativsten ist, beim Essen mit leidendem Blick in der Nähe des Tochterkinds zu bleiben.

Jetzt ist sie alt und so gut wie taub. Mittlerweile haben Hund und ich uns recht gut auf diese neuen Lebensumstände eingestellt, auch wenn ich mir vorkomme, wie ein den Verkehr auf einer belebenden Kreuzung regelnder Polizist im Feierabendverkehr. Winkend und gestikulierend. Jetzt macht es sich bezahlt, dass ich stets viel beim Reden mit den Händen fuchtel, der Hund weiß sofort, was ich mit manchen Bewegungen meine. Ob "ab ins Körbchen" oder "der Hund verlässt die Küche umgehend" oder "komm her" oder "Fressenszeit!".. läuft.

Sie besteht wohl auf feste Essenszeiten, sonst fiept sie bis sie es bekommen hat. Sobald sie ihr Fressen hatte, ist sie tiefenentspannt. Ich behaupte, das man mittlerweile sogar ein Stück Filet neben ihrem Korb abstellen und den Raum verlassen könnte, interessiert sie weniger. 

Ich bin da nicht anders. Gut, natürlich bin ich nicht taub. Aber wenig an Essen interessiert, finde ich.

Wenn ich da an früher denke... Essen war ein zentrales Thema in meinem Leben und oft, sobald alles schlief und ich mich alleine wähnte, leerte ich den Kühlschrank. Das war als wäre da ein Sog, der mich dorthin zog. Es gab sozusagen auch keinen Widerspruch, ich war nicht in der Lage, mich dagegen zu wehren. Es konnte sogar vorkommen, dass ich nachts wach wurde und bei meinen Erledigungen noch zufällig schnell den Umweg über die Küche nahm.

Heute?

An manchen Tagen denke ich abends auch heute noch an Essen. Ich liege auf meinem Sofa und überlege mir, dass ich mir doch noch ein Stück Käse... oder Reste vom Mittagessen... oder ein Stück Schinken.... vielleicht mit einem Klecks Senf... Oder eine Cocktailtomate und Käse und Senf?

Und dann?
Schlaf ich einfach ein, den schnarchenden Hund neben mir.

Wir sind wirklich nicht mehr das, was wir mal waren.
In meinem Fall: Zum Glück.



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1 Kommentar:

  1. Ach herrjeh, die Süße..... ich behaupte ja, sie kann von den Lippen ablesen......

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