Montag, 16. September 2013

Mehr als Name und Zahlen

Gestern kam eines meiner Kinder und sagte:
"Erzähl doch mal von unserer Familie!"

Schwupp, da bin ich in meinem Element.
Ich erzählte Geschichten aus dem Leben meiner Mutter, meiner Groß- und Urgroßmutter und natürlich auch den männlichen Pendants. Mit den Jahren habe ich viele dieser persönlichen Geschichten sammeln können, weil ich nie nachgelassen habe, bei den noch lebenden Ahnen nachzufragen...

Wie waren sie wirklich?

Also nicht nur "wer ist diese Person auf dem Foto, von wann bis wann hat sie gelebt und inwiefern ist sie verwandt mit mir?". Nein, ich wollte am Besten genau wissen, wie die Person charakterlich war. Und über Geschichten, die man über sie erzählt, das, was sie erlebt hat, kann man sich doch so einiges zusammendenken. Ich bin übrigens sehr froh, dass ich das Erzähl-Gen wohl aus mehreren Ecken vererbt bekommen habe.

Da ich Interesse hatte, erhielt ich sehr häufig nicht nur die Geschichten, sondern auch eben Fotos oder aber persönliche Gegenstände, die nach dem Tod noch übrig geblieben sind. Besonders spannend in dem Zusammenhang die Karten einer meiner deutschen Urgroßmütter, die nach ihrer Scheidung (SKANDAL!) ein kleines Zubrot damit verdiente, dass sie den Menschen die Zukunft aus ebenjenen las (DOPPELT-SKANDAL).

Meinem Opa war das so peinlich, dass er ihr freiwillig etwas Geld zuschusterte...

Allerdings bezweifele ich, dass sie sich an den Deal, dass sie dafür keine Karten mehr legen solle, wirklich hielt. Warum wären sonst noch die Karten da? Und überhaupt... ich weiß noch einiges andere über sie, daher bin ich mir recht sicher, dass sie beide Finanzquellen genutzt hat.  

Aus Briefen ihrer Mutter an eine Cousine weeiß ich z.B., wie meine Großmutter väterlicherseits als Kind drauf war. Sie war übrigens ein verzogenes, nerviges Gör, wenn ihr mich mal fragt. :D

Es sind sogar persönliche Geschichten aus dem Nordischen Krieg von 1700-1721 überliefert! Daher weiß ich auch ein bisschen mehr über meine ethnische Zusammensetzung. Als nämlich Karl XII mit seinen Leuten wieder nach Schweden zurückkehren durfte, hatte einer meiner Ahnen seine vor Ort geehelichte türkische/armenische (man ist hier nicht ganz sicher) Gattin nebst Kindern im Gepäck. Und so kam diese Frau nach Schweden - was muss das für ein Umbruch in ihrem Leben gewesen sein - nur um kurze Zeit später als Witwe dazustehen, weil ihr Mann (Berufssoldat) in Norwegen erschossen wurde - angeblich übrigens aus eigenen Reihen!

Jaja.
Ich finde das total interessant und ich kann Stunden damit verbringen, mich mit den einzelnen Persönlichkeiten auseinander zu setzen.

Als wir so über den ein und anderen sprachen, wurde mir mit einem Mal klar, dass ich diese ganzen Geschichten dringend zu Papier bringen muss. Sonst ist irgendwann keiner mehr da, der sie kennt, der sie weitererzählt.

Und dann sind diese tollen Persönlichkeiten, die einen gewissen Anteil an mir als Mensch haben, irgendwann nichts weiter mehr als ein Name und zwei Daten - Geburt und Tod.. Irgendwann vielleicht nicht einmal mehr das.

Ist man erst dann wirklich tot?

Mein Cousin war übrigens clever... er hat meine schwedische Urgroßmutter mal über ihre Familiengeschichte interviewt und das Ganze auf Kassette aufgezeichnet. Von ihr ist daher noch ihre Stimme konserviert - allerdings sollte man die wohl schleunigst auf CD brennen, sonst kann man sie irgendwann nicht mehr abspielen!

Manchmal frage ich mich, was meine Urururenkel irgendwann noch über mich wissen werden. Wobei... das Internet vergisst angeblich nichts. So gesehen gibt es für sie eine Menge zu lesen... vorausgesetzt es interessiert sie.

Hach ja.

Seid ihr da ähnlich gestrickt, wie ich?
Gibt es in eurer Familie auch so viele spannende Geschichten zu spannenden Menschen?
Wie konserviert ihr die?
Jemand einen wertvollen Tipp?

Und ansonsten:
Guten Morgen!
Ich wünsch euch einen tollen Wochenbeginn!



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Kommentare:

  1. Bei uns gibt es leider nicht mehr viele die noch Geschichten zu erzählen haben :O(
    Alle schon lange Verstorben.
    Die Spannendste ist wohl die meiner Großmutter,
    die in erster Ehe drei Söhne gebar, dann (angeblich) ein Verhältnis mit einem Russischen Soldaten hatte aus dem meine Älteste Tante entstand, und nach dem Tod erklären ihres ersten Mannes (der einfach aus dem Krieg nicht heim kam) meinen Großvater Heiratete und mit Ihm drei Weitere Töchter zeugte. Sie flüchteten aus Böhmen und landeten irgendwann in Dortmund, meiner Heimat.

    Lieben Gruß
    Ramona

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  2. In meiner Familie war meine Oma der Mittelpunkt der Familie.
    Als Oma 1984 starb, war die Gefahr groß, dass die Familie auseinander bricht. Damit das nicht passiert, hatte mein Onkel eine tolle Idee:
    Geschwistertreffen!
    Alle 4 - 6 Wochen treffen sich die 3 Mädels und ein Junge.
    Noch immer!!!!
    Und das, obwohl sie zwar alle die selbe Mutter haben, aber nicht den selben Vater.

    Sie leben alle im hier und jetzt, aber wenn sie sich treffen, kommen immer Geschichten von früher ins Gespräch.
    Die Geschwister hatten dann auch mal ihre Ehepartner dabei, aber das war dann nicht mehr das selbe.
    Und so liessen sie es wieder :-)

    Wenn ich meine Tanten und meinen Onkel treffe, bekomme ich auch immer wieder solche Geschichten zu hören.
    Und ich finde sie immer noch spannend.
    Auch wenn ich einige schon sehr kenne!

    Übrigens es gibt da so Bücher zum selber schreiben
    Mama, erzähl mal.
    Ich habe so ein Buch gekauft, es ehrlich geschrieben und meinem Sohn geschenkt!
    Der hat sich richtig gefreut.

    Liebe Grüße
    Minze

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  3. Hier auch, gottlob noch viele der zum Teil viel älteren Geschwister meines Vaters erlebt und von diesen einige Geschichten erzählt bekommen.
    Meine als junge Frau allein aus den Staaten zurückgekehrte Großmutter hatte einiges zu erzählen, auch wenn ich sie nie persönlich kennengelernt habe. Und ihr Vater war ein derartiges "Original", dass es heute noch Leute in seinem Heimatort gibt, die von ihm erzählen können/gehört haben.... und und und...
    aufschreiben wäre gut, ja. Obwohl meine Kids die Geschichten dank meines Vaters alle noch kennen... von Amalia der "zahmen" Küchenspinne bis zum Katzenfell auf dem Tisch der Nachbarn lol.... eigentlich ne gute Idee.

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  4. Ja, Sudda, von der Familiengeschichte sollte man alles aufschreiben.
    Mein 1994 verstorbener Onkel (Ehemann der Zwillingsschwester meines Vaters)hatte Ahnenforschung betrieben, daher weiß ich, das ich und mein kleiner Bruder von Hugenotten abstammen, die nach der Bartholomäusnacht (1572.Auch Pariser Bluthochzeit genannt)nach Preußen flohen. Von väterlicher Seite ist sind auch die Geschichten der adeligen Abkunft, allerdings mit einer Frau "zur Linken", also die Abkunft von "Kegeln" (unehelichen Kindern).

    Von der Familie meiner Mutter weiß ich fast nichts, da meine Mutter nur wenig erzählte und meine Oma (Jahrgang 1902)richtig böse wurde, als ich sie 1978 nach der Familie fragte. "Dat geiht dich nix an!" (Das geht dich nichts an!)war die Auskunft. Sie hatte ihre Kinder als Witwe durchbringen müssen, als ihr Ehemann auf 1930 auf einer Baustelle verunglückte. Auch musste sie in den 20gern den Verlust eines 2jährigen Mädels verkraften, das die Treppe herab gestürzt war.
    Natürlich habe ich jede Menge Geschichten im Kopf, denn ein wenig hatte meine Ma doch erzählt.
    So wie die Story, das mein Ur-Ur-Großvater Mitte des 19.Jahrhunderts von Schlesien in das Ruhrgebiet GELAUFEN ist, und Dank seines Fleißes schon ein Jahr später seine Braut Anna mit der Eisenbahn kommen lassen konnte.

    Ja, Sudda, man sollte alles aufschreiben.:-)

    Liebe Grüße,
    Amuljar

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  5. So eine historische Rundreise ist ziemlich interessant. Ich habe mal all die Briefe meiner Eltern gefunden. Als mein Vater bei der Armee war und wir praktisch alleine zu Hause waren (nur mit der nervigen Verwandtschaft) haben sie sich jeden Tag einen Brief geschrieben...

    Das habe ich dann sortiert und mir alles durchgelesen, auch wie meine Mutter sich als junge Mutti fühlte usw. War total spannend und haben wir auch nicht weggeworfen.

    Ich finde die Entwicklung in den meisten Familien auch so schade, da oft nur noch 2 Daten vorhanden sind, weil der Rest weggeschenkt wurde usw.

    Man müsste sich so ein ganzes Familienalbum zusammenbasteln, damit man einfach mehr erfährt... Wenn meine Eltern mal sterben, kann mir schließlich niemand mehr was über ihre Eltern erzählen...

    Zur silbernen Hochzeit meiner Eltern habe ich beiden einen Steckbrief gegeben, den sie ausfüllen mussten (wie war ich als Kind, wie haben wir uns kennengelernt usw.)

    Sowas ist auch schön:
    http://www.weltbild.at/3/15527749-1/buch/stammbaum-der-familie-tafel.html

    Und ja: Man stirbt nur dann wirklich, wenn man vergessen wird!


    lg
    Nachbarin

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