Dienstag, 2. Juli 2013

Sport und Abnehmen - meine Sicht der Dinge

Wisst ihr, was an euch wirklich toll ist?
Ihr beteiligt euch ungemein in diesem Blog. Das ist der Knaller, denn ich kann viel von euch lernen. Oder aber feststellen, dass ich mit meinen Gedanken und Problemen nicht alleine dastehe. Und ganz davon abgesehen, bin ich natürlich neugierig und möchte wissen, wie ihr die Dinge so seht. Dafür bin ich euch wirklich dankbar. So auch bei der Sportfrage.

Besonders interessant finde ich, dass wir alle anscheinend der Meinung sind, dass Sport eher der Begleiter zum Abnehmen ist, aber nicht DAS Mittel zum Zweck.

Aber der Reihe nach.
Wie ist es nun bei mir?

Schauen wir mal zurück auf meine Anfänge. Vor LCHF. Ich wog annähernd 126 kg und ich glaube, man braucht nicht viel Phantasie, um zu ahnen, dass da mit Sport nicht mehr viel los war. Ich hatte konstant Schmerzen im Rücken und in den Beinen, selbst nachts wurde ich ständig beim Wenden wach. Aber ich war wöchentlich einmal bei Pilates. Das war dringend nötig, denn sonst wären die Schmerzen mit Sicherheit unerträglich gewesen. So tat ich wenigstens etwas für den Rücken.

Vielleicht war es aber auch ein bisschen etwas wie ein Alibi. "Ich mach doch Sport!" Das konnte keiner leugnen. Und ich war noch nicht mal schlecht, wenn man davon absieht, dass viele Übungen rein technisch nicht funktionierten. Der Versuch, eine Art "Kerze" zu machen, führte zum einen zu Erstickungsanfällen, weil ich mir selbst mit meinem Oberkörper die Luft abdrückte, zum anderen... nun.. ich bekam schlicht und ergreifend den Hintern nicht hoch. Der war zu schwer. Nicht zu vergessen die banale Tatsache, dass ich gar nicht die nötige Muskelkraft dafür besaß.

Ich mied Bewegung. Aus dem Bett, auf den Küchenstuhl, ins Auto, auf den Bürostuhl, ins Auto, auf das Sofa. Miese Mischung aus Schmerzvermeidung und vor allem leider auch Bequemlichkeit.

Ich mied aber vor allem Bewegung, bei der mich andere beobachten konnten. "Guck dir mal die Dicke an!" Das wollte ich nicht. Denn leider neige ich tendenziell dazu, bei Anstrengung puterrot anzulaufen.

Schwimmbad? NIE-MALS.
Fahrrad? Der Anpressdruck brachte meinen Po fast um.

Aber ganz innen drinnen wollte ich so gerne sportlich sein. Mich lockerflockig bewegen können, den Körper "verwenden", nicht nur darin eingesperrt sein. Versteht ihr mich?

Mein Leben änderte sich mit LCHF. Binnen weniger Tage war der ewig quälende Heißhunger weg. Ich war satt. Endlich satt. Und ich spürte ungewohnte Energie. Ich spürte, dass ich MEINE Chance in Händen hielt. Und ich musste sorgsam mit ihr umgehen und sie wohl nutzen.

Leider hatte ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt, Gefühle aufzuessen. Gefühle aller Art. Langeweile, Stress, Wut, Freude... Das koppelte ich ständig an Essen. Aber jetzt wollte ich abnehmen, schlank werden oder wenigstens normalgewichtig. Daher musste ich mir eine andere Strategie für meine Gefühle und vor allem auch für diese Energie ausdenken. An anderen Menschen austoben erwies sich schnell als fatal. Man macht sich nicht sonderlich beliebt, wenn man seine Mitmenschen ständig auf A4 zusammenfaltet. Hm.

Auf diese Weise hab ich Bewegung eigentlich nicht eingeplant, sie kam völlig natürlich "über mich". Kennt ihr das, wenn man auf dem Stuhl sitzt und ein Bein will unbedingt "wibbeln"? Weil sich so viel angestaut hat? So ging es mir. Es war kaum auszuhalten. Also zog ich mir die Schuhe an und setzte mich in Bewegung.

Ich ging.
Eigentlich nichts Weltbewegendes.
Ich ging ganz einfach los.

Sportsachen?
Hatte ich natürlich kaum.
Braucht man zum einfach so vor sich hin gehen auch nicht, denke ich.

Außerdem war auf dem Sportbekleidungssektor in Größen jenseits der 50 nicht viel zu finden, was sich in den Kommentaren zu den Sportfragen auch bestätigt findet. Soweit ich mich erinnere, waren die ersten Sportsachen, die mir passten, von Trigema. Das möchte ich an dieser Stelle lobend herausstellen.

Weil ich selbst einmal zu diesen Größen gehörte, wage ich mich zu sagen, dass es wohl nicht so viele Kunden gibt, die jenseits der Größe 50 sind und noch Sport machen möchten. Anscheinend lohnen sich größere Produktionen dafür nicht, sind wir mal ehrlich. Dennoch wäre es vielleicht für einen kleinen, feinen Hersteller durchaus eine passable Herausforderung mit Onlinevertrieb. Sollte ein solcher Hersteller dies hier lesen: Melden. Ich würde mich freuen, wenn ich eine gute Adresse weitergeben könnte! Das meine ich ernst.

Auf jeden Fall schließe ich mich lowcarb-highfuns Meinung an:
"Ordentliche Schuhe sind aber Pflicht." 

Es ist keine gute Idee (und schon gar nicht mit massivem Übergewicht) sich mit schlechtem Schuhwerk körperlich stärker zu belasten. Und ja, bei 126 kg ist schnelles Gehen schon eine körperliche Belastung - es ist eben alles relativ im Leben.

Ich lernte Schritt für Schritt, dass Bewegung mir gut tat, auch wenn ich am Anfang bei Anstrengung durchaus fluchte und ein wenig litt. Ich spürte, dass meine Gefühle, die sonst zur unkontrollierten Nahrungsaufnahme geführt hatten, auf diese Weise problemlos abgebaut werden konnten und Körper und Seele danach entspannt und ruhig waren. Plus dass ich endlich wieder stolz auf mich war. Auf mich stolz sein zu können, das war davor lange echtes Niemandsland in meiner Seele. Bewegung machte Spaß und ich feierte rasch Fortschritte. Das war ein bisschen wie ein Rausch, ein neues Gefühl. Ich konnte mich bewegen!

Im selben Maße, in dem ich abnahm, passte sich meine Bewegung an mich an. Joggen, Trainerschein, eigene Kurse, ihr wisst schon. Ich brauche Sport, weil ich dadurch meine überschüssige Energie abgeben kann und mich hinterher richtig gut und zufrieden fühle. Ich spüre, dass mein Körper gearbeitet hat und liebe es, wie er funktioniert. Ohne Sport wäre es mir schwer gefallen, mein altes "Ich esse Gefühle weg"- Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Mein Körper formt sich durch den Sport ordentlich und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht sehr gerne vor dem Spiegel stehe, um mir die "Ernte meiner Mühen" genau zu betrachten. Außerdem bin ich stolz auf das, was mein ehemals unbeweglich starrer, fluffiger Körper doch so alles kann, was er mit der Zeit wiedererlangt und wieder erlernt hat.

Sport allein reicht jedoch nicht zum Abnehmen, die richtige Ernährung ist wesentlich. Aber... und hier spreche ich natürlich für mich und meine Erfahrung:

Nur anders essen ist auch nicht das Allheilmittel!

Eine Abnahme, die stabil sein soll, konstant und vor allem andauernd, sollte auf einer möglichst wackelfreien Basis stehen. Die richtige Ernährung ist nur ein Standbein und jeder von uns weiß, dass es sich auf einem einzelnen Bein nicht sonderlich stabil steht, vor allem bei emotionalem Gegenwind.

Wenn ich aber Sport als zweites und Seelenarbeit als drittes Standbein dazu nehme, kann mich so schnell nichts erschüttern. Daher glaube ich nicht an Diäten, die keine dauerhafte Ernährungsumstellung bewirken und genaue Essenspläne vorgeben, egal, was den Diätern versprochen wird. Essen im Autopilotmodus? Hm.

Menschen, die auf der Suche nach einer solchen "Wunderdiät" sind, möchten sich vielleicht nicht mit der hinter dem Übergewicht liegenden Ursache beschäftigen, weil diese Arbeit weder einfach noch gemütlich ist. Und meine Erfahrung und der Austausch mit einer wirklich großen Anzahl an Übergewichtigen zeigt mir, dass bei gut 95% deutlich mehr hinter dem Übergewicht steckt, als nur die reine Lust am Essen!

Wenn "zu viel essen" allein nicht das Problem ist, sondern auch andere Gründe das Überessen auslösten, kann reines "weniger essen" nicht die Lösung sein!

Sobald die strengen "Wunderdiät"-Zügel gelockert werden, befindet sich der Diäter auf dem Rückweg zum alten Ist-Zustand. War es darüber hinaus eine Crashdiät, wird er/sie vermutlich sogar noch mehr Gewicht aufpacken, als er vor Beginn der Diät hatte, weil er/sie sich jetzt auch noch den Stoffwechsel verwirrt hat. Es findet eben einfach kein wirkliches Umstellen und Umlernen statt.

Der Körper ist eine tolle Erfindung, also trau dich und lern, ihn zu verwenden. Bei vielen Übergewichtigen ist der Körper nur noch die fluffige Hülle, in der die Seele eingesperrt ist. Fast wie ein Käfig. Körper und Seele haben sich in zwei einzelne Bestandteile aufgesplittet und stehen sich gegenseitig im Weg. Nicht umsonst war es bei mir bei Höchstgewicht so, dass ich mich noch nicht einmal mehr im Spiegel ansehen, mich gar nicht mehr mit meinem Körper befassen wollte.

Sport kann eine wichtige Unterstützung für die richtige Ernährung sein, wieder zu einer Einheit zu werden. Schließlich arbeitet man dabei MIT dem Körper.

Und nein, es muss nicht DAS Aerobic-Video sein, dass mir selbst heute von der Koordination her schwer fällt. Auch nicht übertrieben viele Stunden.

Man muss ein gesundes Maß finden und das ist individuell. Fördern, ein bisschen fordern, aber niemals ÜBERfordern. In Ruhe anfangen und nicht übertreiben. Aus einem Pantoffeltierchen wird so schnell kein Windhund. 

Niemals zwingen, auch wenn man sich ruhig mal am Sport versuchen sollte, denn wenn man es nicht ausprobiert hat, kann man gar nicht wissen, ob man nicht vielleicht doch Spaß daran hat. 

Zieh dir die Schuhe an und geh raus. Jetzt! Warum nicht?

Einfache, zusätzliche Bewegung ist am Anfang für viele stark Übergewichtige genug. Ein bisschen mehr als der gewöhnliche Alltag. Oder aber die Alltagsbewegung erweitern. Eben nicht mehr von der einen Sitzposition in die nächste rutschen, so wie ich es damals tat.

Vielleicht schaust du mal in die Angebote von Sportvereinen oder der VHS rein? Such dir DEINEN Trainer raus. DEINE Gruppe. Geh hin, wo DU dich wohlfühlst. Mach eine Schnupperstunde, du brauchst dich nicht sofort verpflichten.

Das waren meine Gedanken zum Sport.
Danke für's Lesen!
















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