Donnerstag, 11. Juli 2013

Dachbodenfundstücke

Bei meinen Aufräumarbeiten habe ich gestern zum ersten Mal den Speicher "tangiert". Speicher sind so Orte, an dem die dollsten Dinge lauern, Sachen, die man schon längst verdrängt hat, im Guten wie im Schlechten.

Gut war, dass ich einen Blazer wiederfand, den ich jetzt wirklich gut brauchen kann. Und mal wieder habe ich mich gefreut, dass ich mich eher konservativ kleide, wenn es um festlichere Kleidung geht. Sieht nämlich immer noch toll aus.

Irgendwann stieß ich auf einen ganz alten Karton mit Handtaschen. Davon habe ich recht viele, wobei ich da tatsächlich großzügig das Ausmisten begann. Die ein oder andere würde ich heute nicht mehr verwenden und dann kann sie auch wirklich weg.

Handtaschen.
DAS Kaufobjekt für mich als dicke Frau.

Wenn sonst nichts mehr an den Körper passt, Handtaschen passen immer, oder?

Schuhe und Schmuck und viele andere Accessoires passen zwar auch, aber mir hatten es Handtaschen besonders angetan. "Warum eigentlich", überlegte ich, während ich die Taschen aus dem Karton krempelte.

Vermutlich, weil sie praktisch sind. Oder?

Ich öffnete eine Tasche nach der anderen, um zu sehen, ob und was sich darin befindet. Schätze?

Interessanterweise fanden sich hier und da einige Lippenstifte. Interessant deswegen, weil ich maximal zweimal im Jahr überhaupt Lippenstift verwende. Trotzdem kaufe ich immer wieder welche. Lohnt sich gar nicht! Ich bin untalentiert im Bereich Lippenstift und Schminke generell. Ich bin die erste, die auf den Lippen kaut, wenn etwas drauf ist und ebenso die erste, die sich herzhaft und unbedarft die Augen reibt, wenn sie die Augen geschminkt hat. Schminken ist nicht so meins. Ich fühle mich verkleidet.

Gefreut habe ich mich über die Einkaufschips, die hier und da in den Falten der Taschen zu finden waren. Die sind immer weg, wenn ich sie brauche. Verschwinden in dunkle Kanäle und ich darf mich schon wieder an die Kasse begeben und Kleingeld wechseln, um einen Euro für den Wagen zu haben. Kleingeld fand sich darüber hinaus.

Tempopackungen, Dosispackungen Brillenputztücher... da soll der Mann sich noch mal beschweren, dass ich nie welche dabei habe. Tse. Da waren sie doch.

Einkaufszettel. Auch interessant. Denn eigentlich vergesse ich die ständig auf dem Küchentisch und stehe anschließend ratlos im Supermarkt.

Unten im Karton eine größere Sporttasche. Höchst praktisch. Sporttaschen kann ich immer brauchen, schließlich habe ich diverses Kursequipment, das einzeln verstaut werden will, damit ich sie immer separat greifen kann. Ich zog den Reissverschluss auf, aber was quoll mir da entgegen?

Mir wurde umgehend heiß im Gesicht und mir war sofort klar, dass ich wohl puterrot angelaufen war. Oj, was habe ich mich geschämt!

Bonbon- und Schokopapier, Papiertütchen, die mit Sicherheit einmal belegte Baguettes enthalten haben, andere Lebensmittelverpackungen... ich hatte anscheinend einmal ein Lager für "böse Verpackungen"...

Eine Menge Bilder und Gefühle von früher fluten mein Hirn. Ich erinnere mich. Erinnere mich an Situationen wie diese (klick!). Es ist so unangenehm.

Warum eigentlich heimlich? Hatte ich etwas zu befürchten? Was wäre denn passiert, wenn der Mann mich zum Beispiel dabei erwischt hätte? Dass ich heimlich esse? Nichts Dramatisches. Das weiß ich, denn manchmal hat er mich natürlich erwischt. Das Verstecken geht nicht immer gut. Er war natürlich traurig, dass ich mich so verhielt, aber er hätte niemals bösartig reagiert. Es war die Scham, die mich verstecken ließ. Schließlich war mir klar, dass ich mich nicht normal verhielt. Es ist nicht normal, wenn man bergeweise Nahrungsmittel heimlich isst.

Was wohl nicht in meinen Kopf will, ist, warum ich die Hinterlassenschaften verwahrt habe. Warum habe ich sie nicht einfach über den Müll entsorgt? Wäre doch gar kein Problem gewesen. Wollte ich eigentlich erwischt werden? Dass mir jemand hilft, mich an die Hand nimmt und "da" raus holt?

Ich weiß es nicht, so sehr ich auch nachdenke, ich komme zu keiner Lösung. Ich weiß nicht, ob es irgendjemandem da draußen genauso geht, wie mir damals, aber wenn ja, weißt du, warum?

Ich grabe mit der Hand durch die Sporttasche (wie ironisch, oder?) und die Tränen tropfen heiß auf das Nylon.

*plöck* 

Ich weine um das, was mal war. Ich weine um das, was ich einmal war. Ich weine, weil ich es nicht verstehe. Die Papierchen rascheln zwischen den Fingern. Dabei ist es doch vorbei. Warum Tränen? Warum nicht einfach zurücklehnen und wissend lächeln, dass ich es geschafft habe, den Weg heraus fand. Weil es eben doch um mich geht, egal, wie weit es weg ist. Es geht nicht um einen Fremden.

Nach außen hin war ich stark, nach innen im Stillen verletzlich und kaputt. Gelähmt, bewegungslos, starr, ratlos, frustriert.

Und warum habe ich es nicht einfach sein gelassen? Warum trieb es mich so um? Warum musste ich so schrecklich schlimm viel essen? Warum heimlich? Warum, warum, warum? 

Ich aß, weil es mich erdete und mich tröstete und ganz schnell war ich in der Sucht gefangen und die forderte ihren Tribut, ihr Futter. Seelisch, aber vor allem bald auch körperlich. Ich musste essen. Ich musste einfach. Und weil ich nicht wollte, dass andere meine "Perversitäten" mitbekamen, musste ich es heimlich tun. Weil ich selbst damals nicht begriff, was mich zwang, ich wusste nur, dass mein Verhalten nicht normal ist.

Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es der Alkoholsucht sehr ähnlich ist. Nur dass die Beschaffung deutlich unauffälliger ist. Essen muss jeder. Also kann man auch einkaufen. Wenn man darüber hinaus Einkäufer für eine vierköpfige Familie ist, muss man besonders viel einkaufen.

Man wird davon nicht betrunken, "nur" dick (als wenn das nicht auffällig genug wäre). Jedenfalls ist Esssucht kein Stück lindriger als Alkoholsucht. Eine Art Tod, Schritt für Schritt. Erst ein Seelentod, dann ein Körpertod auf Raten.

Nein, das ist nicht überzogen. Ich weiß das, ich war gut 15 Jahre gefühlt tot. Und ich wäre es vielleicht heute definitiv, wenn ich nicht meine Bremse und meine Kehrtwende gefunden hätte. Ansonsten wäre ich zumindest noch dicker, noch unbeweglicher, noch unglücklicher. Schon 2009 wollte ich nicht mehr. War kurz davor, die weiße Fahne zu schwenken.

Rückblickend ist vieles aus der Zeit unlogisch. Offiziell war ich Dauerdiäter. Wenn man schon dick ist, muss man der Umwelt ständig signalisieren, dass bald alles wieder gut ist. Dann kann man das Dicksein noch gerade so entschuldigen. Ist ja nur ein vorübergehender Zustand, oder?

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich es jemals auf die Drüsen geschoben habe, dass ich dick blieb. Als Besitzerin einer Schilddrüsenunterfunktion hätte ich ja ein akzeptiertes Medium in der Hand gehabt. Gene? Einige Dicke säumen meine Familie. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Echt nicht. Das ist weg. Aber ich frag am Wochenende mal den Mann.

Ich weiß, dass ich jede neue Diät euphorisch kund tat. Jedem davon erzählte. Und ebenso euphorisch erzählte, wenn ich abnahm. Im selben Moment, in dem ich ein- und die Diät abbrach, schwieg ich. Wenn ich merkte, dass andere auf das Thema schwenkten, schwenkte ich geschickt ab. Ich war ständig auf der Hut und achtete auf alle Zwischentöne einer Unterhaltung. Schließlich wollte ich nicht darüber reden. Und ich wusste für jeden ein Thema, zu dem sich wechseln ließ, damit das Thema schnell vergessen war.

Später, als ich schon nicht mehr konnte, sowohl körperlich als auch seelisch, wurde ich aggressiv, sobald sich jemand wagte, das Thema anzuschneiden. Ich stand mit dem Rücken gegen die Wand - konnte nur noch angreifen. "Ich gefalle mir, so wie ich bin" oder "Das geht dich nichts an, ich will nicht darüber reden!" oder sogar noch stärkerer Gegenschlag "Willst du mich auf meinen Körper reduzieren? Auch dicke Menschen sind tolle Seelen. Dieser ganze Körperwahn ist doch krank. Als wenn schlank sein alles im Leben ist."

*BÄM*

Jaha, du Gegenüber du, sag was!
Beat this.

Taten sie nicht. Natürlich nicht, denn nicht nur ich besitze die Eigenschaft des Fremdschämens. Es ist nicht einfach, andere offen zu kritisieren, oder? Man überlegt sich schon recht lange, ob man z.B. eine Freundin kritisiert. Will nicht verletzen, aber macht sich dennoch Gedanken oder Sorgen. Man überlegt sich eine günstige Strategie, tastet sich ran... aber wenn man dann sofort einen Konterschlag erhält, lässt man es lieber sein. Ist so. Das war meine Rettung!!?!

Gedankenberge, mächtig und groß.

Ich musste essen.
Ich war süchtig.

Jetzt bin ich trocken.
Aber sicher nicht geheilt.
Kann man davon geheilt sein?

Ich habe tiefen Respekt.

Energisch griff ich die Hinterlassenschaften von damals und brachte sie in die Mülltonne. Wo sie  hingehören. Weg. Vorbei.

Ob ich mich jemals wagen werde, den Karton mit meinen Tagebüchern aus der Zeit auszupacken, kann ich euch nicht sagen. Denn die Erinnerung an die dort niedergeschriebenen Zeilen von damals wallte mit den Papierchen in der Hand auch wieder hoch.

Ich weiß eigentlich, was geschrieben steht.

Mensch, eigentlich so weit weg und doch noch aufrufbar. Hätte ich doch mal nicht den doofen Speicher aufgeschlossen.





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