Donnerstag, 9. Januar 2014

Maß halten



Eine der schwierigsten Übungen, findet ihr nicht?
Manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass es unendlich vielen Menschen schwer fällt, das rechte Maß zu finden. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.

Gerade jetzt im Januar fällt es mir auf.

PENG! 
JANUAR!

ALARMAALARMA, SYSTEMÄNDERUNG!
180°-Wende. 
Jetzt.


Die Sportkurse schwellen über, die Medien überschlagen sich mit Diätsendungen, - reportagen, - tipps. Aber auch die Menschen untereinander sind ganz wild vor Sport- und Ernährungsplänen. Leider sind die nicht selten völlig.. überzogen?... extrem?


Mir fiel es im Sportkurs auf. Eine Neue, die sich fast den Körper auseinanderriss, um mit den anderen mitzuhalten. Ich biete häufig für eine Übung verschiedene "Härtestufen" an, sie wählte stets den härtesten Weg. Mein Hinweis vorher, dass sie sich einleben und langsam machen soll, weil die anderen seit Jahren regelmäßig mit mir trainieren, verhallte unregistriert. Auch meine Hinweise "an alle" zwischendrin, dass man auf sich selbst hören soll und ruhig zwischendrin mal "ablegen" waren egal.

Man kann nicht von der Couch kommen und dann in Serie unendlich viele Crunches in 10 verschiedenen Versionen durchhalten. NEIN! Aber das war ihr egal. Und sie war wirklich fix und fertig. Aber... keine Gnade. Sie riss sich hoch. Ab dem Punkt schadet man sich nun definitiv.

Ich arbeitete mich unauffällig durch die anderen Teilnehmer (lobte hier, errinnerte da, korrigierte in manchen Fällen, legte mich dazu und zeigte vor), scheinbar ruhig, aber innerlich eilig, um an sie heranzukommen. Irgendwann habe ich mich einfach neben SIE gelegt und mit ihr gearbeitet. Und als ich so neben ihr lag, wir uns kurz unterhielten und gemeinsam arbeiteten, merkte ich, wie endlich Ruhe über sie kam.

Ich wählte nämlich eine sehr ruhige und etwas einfachere Gangart. Und sie passte sich mir an. Wenn selbst ich die Übung SO mache, wird sie gern angenommen.    

Ja, fordern.
Aber nicht ÜBERfordern.

Es soll Spaß machen.
Es soll aushaltbar sein.
Es soll individuell passend sein.


Denn nur dann wird man dauerhaft weitermachen und kann sich schrittweise an Verbesserungen freuen.

Ähnlich ist es mit dem Essen.
Diäten, bei denen es viel zu wenig zu essen gibt, nur um den schnellen Erfolg zu sehen, wird man nicht lange aushalten. Und der Rückschlag bringt die verlorenen Kilos rappzapp wieder mit.

Been there, got that!

Natürlich verstehe ich, wenn man möglichst schnell abnehmen möchte. Viele verlorene Kilos sollen ein Nachweis für Erfolg sein. Aber ist das Erfolg? Lernt man etwas dabei? Wie geht es DANACH weiter?

Gerade bei Menschen, bei denen mehr hinter dem Übergewicht steckt, als nur zu viel essen und zu wenig bewegen, kann weniger essen und sich mehr bewegen nicht die alleinige Lösung sein. Das Übergewicht hat man sich nicht binnen zwei Wochen an den Körper gegessen, also kann es auch nicht in zwei Wochen wieder weg sein. So ist das.

Was den meisten fehlt, ist Respekt vor sich selbst. Man kasteit sich, bestraft sich, lässt sich leiden. Aufhören!

Denn wisst ihr, was beim Abnehmen am allerlängsten dauert? Was wirklich schwierig ist? Schwieriger noch als anders essen? Oder mehr bewegen? Was mir lange Zeit zu kauen gegeben hat?

DAS NACHRUTSCHEN DER SEELE

Sie muss eine Chance bekommen, sich an den neuen Zustand zu gewöhnen. Die ist nämlich ein wenig blind, weil sie häufig viele Jahre total vernachlässigt wurde. Und jetzt kommt man daher, baut ihr ganzes Zuhause um, verändert alles, stellt nicht nur die Möbel um, sondern versetzt sogar ganze WÄNDE! Ist doch klar, dass sie sich zunächst ständig verläuft und überall anstößt, sich unwohl fühlt, oder? Stellt euch das mal bildlich vor.

Aber damit nicht genug. Es wird täglich weiter umgeräumt. Und nicht nur ein bisschen. Wie soll man sich da Zuhause fühlen?

Und was macht die clevere Seele, sobald wir den Spaß und den Biss verloren haben? Genau. Sie räumt wieder alles zurück an Ort und Stelle. So wie es war. Denn das kennt sie.

Nehmt die Seele an die Hand, denn gemeinsames Umbauen und neu gestalten kann viel Spaß machen. Gebt ihr ein Mitbestimmungsrecht. Dann fühlt man sich gemeinsam schneller daheim.


Ach ja, das ist sich schon was mit den Januaren.
Ich sags euch.







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Kommentare:

  1. Ja. Richtig schlimm. Dieses Jahr scheint es irgendwie extrem zu sein... So viele neue Gesichter, die ich spätestens in 3 Monaten nicht mehr sehen werde :)

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  2. Den meisten ist eben nicht der Unterschied zwischen einem Lebensstil und einer Maßnahme bekannt. Wenn man sich für einen gesunden Lebensstil entschieden hat, dann gibt es keine "So jetzt gehe ich wieder an" Aussagen. Dann lebt man das immer, das ganze Jahr, dann gehört es zu einem, selbst wenn man innerhalb dieses Lebensstil auch einmal Veränderungen vornimmt. Eine Maßnahme verhallt wieder nach kurzer Zeit. Das nennt sich Problem Jo jo. Mann hat zugenommen über die Feiertage, das schmerzt, dieser Schmerz dient als Antrieb, das führt zu Handlungen, doch sobald der Schmerz nachgelassen hat, kommt der Antriebsverlust und wir fallen wieder zurück und wir verharren passiv in unserer Problemhaltung, bis der Schmerz wieder zu groß wird. Kommt meistens mehrmals im Jahr vor, doch nach den Tagen ganz besonders. Es gibt Menschen die knörzeln Jahrelang an ein paar wenigen Kilos rum - weil eben der Schmerz als Antrieb nicht mehr groß genug ist, so wie vielleicht damals als es noch viele Kilos waren. Ich sehe es hier im Umfeld, einige sind schon wieder raus aus dem Rennen :-) Liebe Grüße Petra

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  3. Danke für das schöne Bild. Du hast soooooooooo recht mit dem was du schreibst.


    nashua

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  4. Das ist wirklich ein schöner Vergleich! Schön geschrieben! Lieber Gruß!

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  5. Danke für deine immer so verständlichen und ermutigenden Beiträge!! Sehr schön geschrieben!

    Bianca

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  6. Wie machst du das nur immer? Findest immer die richtigen Worte, inklusive toller Bilder! Nachrutschen der Seele - darauf muss man erst mal kommen! Nicht nur bildlich, auch inhaltlich. Den meisten ist dieser Aspekt völlig egal oder fremd. Gut dass wir dich haben! Und schade, dass dein Sportkurs soooo weit weg ist!
    die Andi

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  7. Für mich ist Masshalten eher negativ kontoniert. Bezüglich Essen verbinde ich's irgendwie eher mit "von allem etwas essen (ob man will oder nicht), aber dann auch ja nicht zu viel". Aber da ist ja eigentlich das Problem, dass das Mass, das man halten sollte, nicht das eigene ist. Danke für den Denkanstoss!

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  8. Ja, es ist echt auffällig. Sogar im Fernsehen hat gestern the Biggest Loser begonnen. Aber das mit der Seele und der Selbstwahrnehmung ist schlimm. Ich bin ja jetzt schon nen Moment lang eigentlich objektiv gesehen nicht mehr dick. In meinem Kopf aber schon. *seuftz*

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  9. Liebe Sudda, genialer Post. Die seele....genauso isses.....da muss ich jetzt mal erst laaange drüber nachdenken.
    Gruss
    Tatjana

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  10. ich habe "schon" Ende Oktober mit dem Training im Fitnessstudio begonnen, und es ist wuirklich so, dass seit Ende Dezember viel mehr Leute trainieren.
    gestern fand ich zufällig EINEN freien Crosstrainer zum Aufwärmen, einer war auch noch kaputt, auch einer der Stepper. bei den Laufbändern warteten die Leute schon sitzend dahinter!

    für mich hoffe ich natürlich insgeheim, dass die bald wieder faul werden ;)
    den Leuten wünsche ich aber trotzdem Durchhaltevermögen. viele geben ja schon im Januar wieder auf, was ja eigentlich traurig ist.

    ich dachte ja kurz, in den zwei Monaten hätte schon schon einiges getan. war aber dann doch nicht so. aber ich bleibe dran. die letzten 5 Jahre ab und auf sollen nicht total umsonst gewesen sein!!

    meine Seele freut sich schon aufs neue Heim :)

    LG

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  11. Genau. Die Dinge ( die Ernährung, die Haut und das Leben ansich) brauchen Zeit sich miteinander einzustimmen. Schöner Vergleich mit dem Zuhause.

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  12. Das Nachrutschen der Seele.
    Zauberhaft.
    Wie sagt man so schön?: Made my day! ;-)

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  13. Ach Sudda, mal wieder ein Post, der mitten ins Schwarze trifft!

    Mein Guter Vorsatz fuers neue Jahr ist mich mit meinem Koerper zu befreunden. Die letzten Monate waren fuer mich wirklich schwierig - ich habe mich nach 14 Jahren von meinem Mann getrennt, weil er eine andere hatte und egal, wie das laeuft, es nagt gewaltig am Selbstbewusstsein. Zur gleichen Zeit habe ich mir eine Sportverletzung zugezogen - 70% des Muskels in der Wade gerissen. Totaler Sportverbot, nicht mal Yoga oder Laufen (also Gehen). Was bedeutete, dass ich sehr viel Zeit auf dem Sofa verbracht habe. Und zwar mit Essen. Erstmal habe ich sowieso genauso viel gegessen, wie mit Training und dann kam abends die Langeweile und der Frust und ohne Sport war meine Frustbewaeltigung eben Schokolade. Und 6 kg mehr auf der Waage ueber 3 Monate. Nun darf ich endlich wieder trainieren, aber es wird noch dauern bis alles beim Alten ist. Es ist einfach in die Falle von "alles von jetzt auf gleich" zu tappen. Ich kucke meine Beine an und denke "Igitt, wie schrecklich." Ich kann Sachen nicht im Training, die vorher konnte. Ich kann die alle verstehen, die sich reinstuerzen.

    Aber dieses Jahr ist mein Vorsatz eben etwas anders. Natuerlich will ich die extra Kilo wieder abnehmen. Natuerlich will ich dieses Jahr fit sein. Aber ich werde das erreichen, wenn ich mich mit meinem Koerper vertrage. Wenn ich ihm gutes Essen gebe und in Mengen, die er verdauen kann. Wenn ich ihn staerker mache, ohne ihn zu ueberlassen. Und ich bin nicht Fantasie erlegen, dass Abnehmen alles besser macht. In meinem Fall wird das Abnehmen fast Nebensache sein, weil ich Seele und Koerper auf einen Nenner bringe und mich auf mich selber konzentriere. Auf das ganze Mich und nicht nur das Gewicht.

    Bikey

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  14. Also in den Kursen hab ich immer nur die Lightvariante anfangs gemacht; aber das ist ein sehr wichtiges Thema für mich momentan. Denn ich habe mit Kampfsport angefangen und was ist es mir peinlich noch nicht so gut zu sein wie die anderen!

    Ich zwing mich schon immer bei der Erwämung nur das zu machen, was ich auch mithalten kann; denn andere mussten dann schon ausetzen, weil sie genauso viel wie die besseren für paar Sekunden gegeben haben. 'aber es ist schön noch mal aus trainersicht zu lesen, dass es ok ist (ja sogar erwünscht) sich nicht zu übernehmen! Wie heißt es so schön "die eigenen Kräfte sinnvoll einsetzen" :)

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