Mittwoch, 22. Oktober 2014

Fjälli Pirelli & die Straßen ins Nirgendwo


Im Laufe der Ehe hat es sich ergeben, dass meistens der Mann fährt. Warum das so ist, weiß ich nicht, mal abgesehen davon, dass ich Autobahnen hasse. Aber ich denke, wir sind da kein Einzelfall. Dabei bin ich eigentlich eine relativ lausige Beifahrerin:


  • Wird es zu schnell - lese ich ihm betont laut die Geschwindigkeitsangaben auf den vorbeiflitzenden Schildern vor.
  • Fährt er zu dicht auf - mahne ich "liebevoll", wie dereinst Fräulein Rottenmeier die Heidi.
  • Ist auch nur der Hauch einer Gefahr im Verzug - "bremse" ich den Beifahrerteppich auf dem Boden bis ins Blech.
  • Geht es zu dicht an LKWs vorbei - ducke ich mich weg, klammere meine Hand an den Griff über dem Fenster und quieke.


Etc. pp.
Nein, natürlich fahre ich alleine darum schon nicht mit jedem mit.

Entspannt ist sicherlich irgendwie anders. Fahre ich, ist der Mann aber ebenfalls ein sehr penibler "Fahrlehrer", der kann das mindestens genauso gut. Nur reagiere ich auf seine Kritik weniger entspannt, sondern drohe mit seinem Abwurf bei voller Fahrt, wenn er nicht umgehend schweigt. Soll er es doch erst einmal besser machen.

Na ja - so viel zu den Interna im Hause Sudda. Hust. Erzählt mir bloß nicht, dass das bei euch total entspannt zugeht, das glaube ich euch sowieso nicht. :D

Zu unserem relativ luxuriösem Lappland-Urlaub gehörte neben Haus, Plumpsklo, Bastu und liebevollen Handreichungen durch Onkel und Tante ein Leihwagen, so dass wir auch weitläufigere Umgebung gut erreichen konnten. Anfänglich fuhr der Mann, eben entsprechend der vollautomatischen Rollenverteilung. Aber das erwies sich als höchst problematisch!


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Für das Verständnis notwendiger Exkurs in unser Beziehungsleben:

Ich weiß nicht, ob ihr ebenfalls im Vollbesitz eines Naturfreaks seid oder zumindest einen so nah kennt, dass ihr bereits das Vergnügen hattet, mit ihm einmal durch die Pampa zu streichen. Naturfreaks wie der Mann geraten bereits wegen kleinster Kleinigkeiten in höchstes Verzücken.

Eine nette Steinformation? "Oooohhhh!"

Eine größere Ansammlung Bäume in unberührter Landschaft? "Aaaaaaaahhhh!"

Ein heiter porlierendes Bächlein durch grüne Au? "Booooaaaahhhh!"

Eine Kombination solcher oder ähnlicher Dinge kann zu einem Zustand "kurz vor Überschnappen" und vor allem zu einem Fragenbombardement der Art "Ist das nicht herrlich hier? Sag schon. Das ist ja wohl schön. Findest du auch?" führen.

Und WEHE, man antwortet nicht in ähnlich verzückter Stimmlage. Hossa.

"Gefällt es dir nicht? Sag mal. Das kann doch nicht sein. Warum bist du jetzt genervt? Mit dir kann man echt nicht wandern gehen... Blablabla". Und das Damoklesschwert der Tiefenenttäuschung ob einer grob undankbaren Wanderbegleitung schwebt drohend und baumelnd über uns.

Spätestens an der Stelle sollte man sich wirklich zusammenreißen und mitfreuen, sonst ist der Tag unter Umständen einfach mal durch, gelaufen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein kleines oder größeres Tierchen? Ehrfürchtiges Erstarren, um es nicht zu verjagen. Sollte man als Begleiter zu blöd gewesen sein, diese ehrfürchtige Situation zu erfassen und verjagt das Tier, ist die Wanderung zumindest emotional angenagt. Stundenlang darf man sich in dem Fall anhören, dass es einem an Feingefühl mangelt, man glasklar kein Trapper ist und erhält kostenlos einen längeren Vortrag darüber, wie man a) Wildtiere am besten sieht und b) sich in freier Natur genauso toll lautlos verhält, wie er.

Gemeinsam haben alle diese Naturattribute übrigens, dass sie für die Nachwelt festgehalten werden müssen. Es wird fotografiert. Vieles sicherheitshalber zweimal. Schließlich muss an Belichtungszeit, Blende, blabla auch ein bis zwei Gedanken verschwendet werden. Im langwierigsten Fall wird zwischendrin das Objektiv gewechselt. Das ist der Moment, in dem ich mich wirklich zusammenreißen muss, um nicht HÖRBAR zu seufzen. Nach innen seufzen geht, hörbar ist verboten. Denn dann hat man auch eine Diskussion an den Backen, wegen grobem Undank - schließlich will man doch auch Fotos, oder? ODER?

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Lappland glänzt durch eine nicht alltägliche Landschaft, das kann ich mal so stehenlassen. Selbst ich war höchst verzückt und das will wirklich etwas heißen, Landschaft ist mir sonst meistens nämlich reichlich schnuppe. Wandern ist für mich Bewegung, eine Sporteinheit. Ich war bislang niemand, der nur für eine Landschaft irgendwo hin gefahren ist. Nicht nötig. Im Gegenteil, mir kann zu viel Landschaft sogar reichlich auf den Wecker gehen. Overload für die Augen, mag ich nicht unbedingt.

Wenn man daher also bedenkt, dass selbst ich fasziniert war, kann man uuuuungefähr ermessen, wie es für meinen kleinen Outdoorfreak gewesen sein muss. Parallel fahren wurde zum Problem!

Im besten Fall hielt er alle paar Meter, mit über die Schotterpisten Lapplands rutschenden Reifen, jäh an. Im schlimmsten Fall rief er zunächst "Boah, guck mal da!", zeigte wild gestikulierend aus seinem Seitenfenster. In seiner Verzückung war seine Konzentration überall, aber eben nicht mehr auf der Straße. Das Auto zog wie ferngesteuert scharf nach rechts oder links (je nachdem), während ich mich quiekend am Türgriff festklammerte, vergebens die Matte in den Boden bremste und - wenn er endlich das Auto wieder im Griff hatte - einige Minuten brauchte, um den Puls wieder in halbwegs normale Bahnen zu lenken. Da solche Momente alle paar Augenblicke auftreten konnten (aber noch lange nicht mussten - nix mit Regelmäßigkeit, an die man sich hätte gewöhnen können...), bin ich mir sicher, dass ein Arzt beim Anblick eines in einer solchen Situation angefertigten Langzeit-EKGs sofort einen OP-Termin für mich reserviert hätte!

Heiliger Bimbam!

Das ging nicht, daher übernahm Mutti das Ruder und er nahm bereitwillig auf dem Beifahrersitz Platz, die Kamera schussbereit auf dem Schoß. Es dauerte zwar eine Weile bis er begriffen hatte, dass er mich eben nicht bei jedem "tollen Anblick" während der Fahrt anschreien und anschubsen durfte, aber bald waren wir ein eingespieltes Team.

Zunächst hatte ich ein wenig Respekt vor den schotterigen Straßen, schließlich hatte der Mann sich ausgiebig über deren Zustand beschwert und behauptet, man könne maximal 70 km/h fahren, weil es derart uneben und holperig sei, aber ich merkte schnell, dass ich damit gar kein Problem hatte. Als sei ich für diese Straßen geboren. Dadurch, dass einem so gut wie nie ein anderes Auto entgegen kam und die Straßen in weiten Teilen supergerade waren, geriet ich in einem meditationsähnlichen Zustand, wenn ich fuhr. Es entspannte mich total! Und das mit den 70 km/h stimmte wohl nicht ganz, ich konnte auch 100 km/h, ich kleine Pistensau. Problemlos.

Daher fuhr ich und fuhr und fuhr - über die Straßen Lapplands.

 

 

Der Mann sah mich nach der ersten erfolgreichen Fahrt von der Seite an, zog eine Augenbraue hoch, die Kamera im festen Griff und sagte: "Heeee, du bist ja die reinste Fjälli Pirelli!" (abgeleitet von Elli-Pirelli, aber da wir uns im Fjäll befanden, eben mit leichter Abwandlung). Und ich grinste zufrieden.

Und so sauste ich von hier nach dort und auch nach da drüben. Herrlich. Lediglich einen Anhaltewunsch musste der Mann etwas früher ansagen, denn abruptes Abbremsen auf Schotter ist bei der Geschwindigkeit nicht der Hit, wie ich persönlich erfahren durfte...

Ob wir einen Geländewagen als Leihwagen hatten oder einen flotten Flitzer?
Ich sag es mit einem Bild:





Toyota Avensis Kombi.
:)

Zu den Straßen dort oben habe ich von meiner Tante eine nette Geschichte gehört. In dieser Gegend wurde die Straße erst in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts gebaut. Vorher gab es einfach gar keine. Man ging zu Fuß auf den Pfaden, nutzte Pferde und hatte für Strecken, die zumindest minimal "ausgebaut" waren, kleine Fuhrwerke oder für den Winter Schleppschlitten. Und das, obwohl mittendrin doch zahlreiche (alles relativ) Höfe lagen, auf denen durchaus einige Menschen wohnten - die Besitzer oder Pächter mit ihren Kindern, dazu Mägde und Knechte, etc.. Diese moderne Straße war daher eine große Neuerung.

Via Mundpropaganda erfuhren die Menschen dort eines Tages, dass am folgenden Sonntag zum allerersten Mal ein Auto über die neue Straße bis zu ihnen hin fahren sollte. Also standen sie besonders früh auf, zogen ihre besten Kleidungsstücke für diesen feierlichen Moment an und reihten sich am Straßenrand auf, neugierig und gespannt wartend.

Als es endlich kam, dieses Auto, sprangen sie in die umliegenden Gebüsche oder flohen direktamente in den Wald... Dieses Auto, anscheinend ein Modell T, war für ihre Begriffe viel zu laut und zu schnell, so dass sie es gründlich mit der Angst zu tun bekamen.

Schlaue Menschen. Vieles von ihrer Ruhe und Einsamkeit haben sie sich bis heute bewahren können, auch wenn sie mittlerweile fast alle Autos besitzen und damit noch besser umgehen können als Fjälli Pirelli.
♥♥♥♥♥♥


Abschließend ein paar Fotos von diversen Wegesrändern, an denen mir rechtzeitig ein Einbremsen gelang. Und noch ein kleiner Nachsatz im Sinne des Mannes: Die Fotoqualität ist normalerweise besser, aber ich habe sie für den Blog runtergerechnet, da sich der Blog sonst noch schlechter bzw. langsamer öffnen lässt.


Pärlälven in der Dämmerung


Sind die nicht wunderschön rot? Passen so gar nicht dorthin.


Da möchte ich nicht verloren gehen!!!



Pärlälven am Tag


Härligt - ich liebe Wasser in aller Variationen



Auf dem Weg nach Kvikkjokk








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Kommentare:

  1. Du musst jetzt ganz stark sein, Liebes: boooaa!!!! ahhhhh!!!!!wow!!!!
    Ich fürchte ich hätte auch nicht fahren können. Verschwörerische High Five für den Mann...
    Text übrigens Sudda at her best. Wenn ich nicht wüsste wie sehr dich so ein Buch stresst und wenn ich nicht so egoistisch wegen deiner dann so knappen Zeit wär würd ich sagen.....
    Fjälli-Pirelli on tour oder ein Urlaub in Lappland.....

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  2. Ich muss auch mal kurz (Achtuuuuung!) "Boooooooaaaaaaaah, watt schön!!!!!" rufen!
    Aber sag mal, wie war´s denn mit Tageslicht dort um diese (Jahres-)Zeit? Ist das schon merklich weniger oder fängt das auch erst jetzt an?

    Liebe Grüße von
    Britta (die sehr, sehr froh ist, dass Du aus meinem Auto nicht abgehauen bist!)

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  3. Hatte ich erwähnt, dass ich die Gene meiner Ziehvaters irgendwie übernommen habe?
    Der war Rallye-Fahrer. Meine Mutter war nach ihrer ersten Autofahrt mit mir so verkrampft, dass wir sie fast aus dem Auto hätten heben müssen. Einer Leichenstarre nicht fern. Schweißgebadet. Warum, dass habe ich nicht verstanden. Die paar Laster von rechts und die Kurve habe ich doch nocht geschafft.

    MEHR Bilder. Das ist ja ein Labsal für meine Seele.

    Grüßilie
    Oona
    total unsportlich am Rechner :O) Du west bescheed.

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  4. Ich glaube das mit "Natur=Blöd" ist so ein Frauending. Als wir zu dritt auf dem Brocken waren, waren die beiden Männer begeistert. Die Frau wollte ans Meer. Und auch bei den anderen Besuchern war es nicht anders.
    Bei einem älteren Ehepaar konnte ich beobachten, wie er fröhlich beschrieb welche kleinen Städte da unten zu sehen sind. Sie erwiderte mit einem "jaja"

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