Montag, 21. April 2014

Einmal die Mosel sehen und fast sterben


Ich hab mich wider besseren Wissens überreden lassen - greifen wir dem Fazit mal voraus. Dabei standen ZWEI Fakten glasklar fest:

1. Ich war seit über einem halben Jahr nicht mehr wandern. Und glaubt mir, das merkt man. Es ist eine Sache, wenn man in Kursen zur Aufwärmung VORÜBERGEHEND den Puls hochjagt, es ist eine andere Sache, wenn man sich zornkreischend unendliche Steigungen hochschleppt.

2. Ich sollte nie vergessen, dass ich nicht für Anstiege geboren bin. Das war immer so und das wird immer so bleiben.

Die Glocken hätten in mir zum ersten Mal läuten müssen, als der Mann bei dem Versuch, mir die Wanderung im Vorfeld schmackhaft zu machen, Worte wie "Steillage" oder "unglaublich, dass man an solchen Hängen überhaupt Wein anbaut" benutzte.

Aber manchmal bin ich ein bisschen.... naiv.

Sind ja nur 16 km, dachte ich. Da bin ich von ihm wahrlich anderes gewohnt. Und so zogen wir los. An die Mosel, nach Winningen. Parkplatz haben wir auch direkt gefunden und - wieder im Gegensatz zu sonst - sollte Start = Ziel sein. Vom Parkplatz bis zum Restaurant waren es nur noch 150 m. Praktisch, oder?

Wir gingen zunächst zügig (mit dem Mann geht man nicht langsam) zum Einstieg in die Weinberge und schon bald musste ich zum ersten Mal gut 200 m gefühlt senkrecht nach oben. Die Weinberge haben Schieferboden, Schieferboden ist lose. Was lose ist kann kullern. Was kullert, lässt mich rutschen. Was mich rutschen lässt, macht mich unsicher, da ich Höhenangst habe und es nicht mag, wenn ich den Untergrund nicht zu 100 % unter Kontrolle habe.

Aber... waren ja nur diese paar hundert Meter, dann wäre ich OBEN und einmal OBEN hätte ich den Mist mit den Steigungen ja hinter mir, nicht wahr? Theoretisch. Also ab die Post. Da war ich wirklich noch guter Dinge!



Und ja, das bin ich da auf dem Bild.
So Weinberge sind schon etwas Hübsches, finde ich. Irgendwie Natur und irgendwie aber auch gar nicht. So ein Zwischending. Wie man auch auf den folgenden Bildern sehen kann... JA, es ist steil dort. Aber ich war ja nun oben, alles gut - dachte ich. 






Weiter ging es durch Feld und Wald. Nach ein paar Stunden dann gemütlich abwärts durch das wirklich traumhafte Belltal.






In der Ferne, wir waren fast schon ganz unten, konnte ich bereits das Wasser der Mosel glitzern sehen. Unten. Flachland. Herrlich.

"...blabla... links rum... blabla... müssen noch die Steillagen sehen... blabla...".

LINKS RUM?
Die Mosel war GERADEAUS!

Ich warf den Blick nach LINKS.
Da war quasi eine KLIPPE!
HOCH. SEHR HOCH.
VIEL ZU HOCH!

Nö.
Ich wurde gigasauer. Der mir Zugemutete hatte mir vor Stunden bereits hoch und heilig versprochen, dass die Steigungen nun vorbei seien. Nach 12 Kilometern strammsten Wanderns über Stock und Stein sollte ich jetzt wieder komplett nach oben??? Nix.

Trotzig wollte ich einfach gerade aus weitergehen. Ich bin doch nicht blöd.

Der Mann lachte ein wenig... "Komm schon, du musst nicht nach ganz oben. Das ist nur ein bisschen. Da unten lang ist doch langweilig. Das schaffst du."

"Das hat mit schaffen nix zu tun. Ich WILL nicht. Und du hast mir versprochen... blabla" Ich schüttete meinen gesamten Zorn über seine 1,84 m aus. Und doch... folgte ich ihm (manchmal bin ich wirklich dämlich).

Es ging bergauf. SO bergauf (rechte Hand vor den Körper halten, Finger steil nach oben drehen, dann wisst ihr, wie steil das war...)




Der Mann ging voran. Ich hinterher.
Genauer:
Der Mann schnurrte wie ein geölter Blitz die Hänge hoch, man sah nur noch den Staub um die muskulösen Waden und weg war er. Ich hingegen hatte auf meine Dampflok-Taktik gesetzt. Gleichmäßiges Tempo, aber nicht nachgeben, nicht stehenbleiben. Wenn möglich.

Es war so anstrengend. Der Boden raschelte unter mir weg. Ich war unsicher und verkrampfte mich. In der Hand hielt ich zunächst noch eine Trinkflasche, aber als ich im Unterarm zu krampfen begann, durfte der Mann die auch noch schleppen.

"Ist das nicht wunderschön? Guck doch mal. Traum-haft. Und komm, soooo schlimm ist das jetzt auch nicht."

Ich schwieg. Und wenn ich schweige, wird es meistens gefährlich. Merken, einfach merken! Und das musste er nach fast 20 Jahren Ehe doch nun wirklich wissen. In mir waberte ein Vulkan der Wut hoch. Mittlerweile krampfte mein rechtes Schienenbein, weil ich mich so merkwürdig hielt, weil es so steil war und ich Bammel hatte. Super! Schmerzen satt.

"Du musst mehr gehen. Nicht nur Sporthüpfihüpfi, Frau Trainerin. ICH gehe jedes Wochenende zweimal so weit, darum macht das MIR nichts aus. Ist doch so. Sag doch jetzt echt mal."

Da war der Moment, in dem ich ausflippte. Ich fing an zu zetern und kreischen, dass es die Vögel von den Bäumen in Sicherheit trieb. Ich schüttete alles aus mir raus, was allerdings im Nullkommanix dazu führte, dass ich gar keinen Atem mehr übrig hatte.

Und was tat der Mann? Der lachte mich aus! WAS?
Der lachte mich nicht nur aus, sondern machte aus sicherer Entfernung auch noch Fotos von mir...




Das war dann gleichzeitig der Moment, in dem ich versucht habe, ihn mit einem Stein abzuwerfen. Nur ist es ein wenig blöd, kraftentleert einen Stein bergAUF zu werfen. Aber das besprechen wir jetzt nicht weiter. IHN hab ich jedenfalls nicht getroffen.

Irgendwann waren wir zum Glück endlich oben. Ich hatte beschlossen, nie mehr in meinem Leben auch nur noch ein einziges Wort mit diesem Schuft zu reden. Überhaupt hatte ich eine Menge beschlossen...




An diesem Aussichtspunkt hätte ich ihn dann geschickt loswerden können. Aber ich war zu schlapp. Ich wollte eigentlich nur noch auf der Bank sitzen bleiben und ein bisschen sterben. Endlich begriff auch der Mann, dass er eindeutig zu weit gegangen war. Er wischte mir die Zornestränen aus dem Gesicht und drückte mich an sich.

Danach trottete ich fast nur noch hinter ihm her. Schweigend. Seht ihr die Brücke auf dem vorhergehenden Bild. Daran mussten wir noch vorbei und um die Ecke und noch weiter und dann wieder runter... Bis ich endlich da war.

Die lächerlichen 150 m vom Auto zum Restaurant waren auf einmal schrecklich lang. Aber das Essen und das Restaurant haben dann doch noch einiges wieder gut gemacht.

Wir waren zum ersten Mal in den Fronhof-Stuben in Winningen (klickediklick) und höchst angenehm überrascht. Extrem leckeres und hochwertiges Essen, prima Wein, hübsches Ambiente. Sehr freundliche Bedienung. Wirklich empfehlenswert.




Und so neigte sich auch dieser Tag entspannt dem Ende zu.

Fest steht: Die Strecke werde ich in meinem Leben nicht mehr laufen.
Peng! Ende!
Kann er alleine machen.





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