Mittwoch, 15. Oktober 2014

Kurz vor Haparanda links ab


Nachtrag zu gestern:

Der Mann war völlig entrüstet, dass ich euch nicht ein Foto davon eingestellt habe, wie ich schnurstracks den Weg zur Schlucht erklommen habe, was ich hiermit feierlich nachreiche. Sieht das nicht supersportiv und dynamisch aus? Hach.

Zusätzlich gibt es noch ein weiteres schniekes Landschaftsbild. Dann kann man sicherlich auch eher verstehen, weshalb ich die Idee, Alte und Kranke zum Abwurf von den Klippen dort hoch zu schleppen, dämlich finde. Immerhin ging das gute 2-3 km so!






Unsere Wanderung durch die imposante Gegend bei Höga Kusten hatte etwas länger gedauert als geplant, daher kamen wir erst gegen 13 Uhr wieder auf die E4. Sollte aber dennoch kein Problem sein, wir nahmen eben an, dass die E4 eine Art Autobahn sei - ähnlich wie die E-Straßen in Südschweden eben. Man darf in Schweden zwar in der Regel maximal 110 km/h fahren, wodurch die Etappe von rund 550 km bis Jokkmokk sicherlich nicht allzu schnell zu bewältigen sein würde, aber wir waren schließlich im Urlaub, nicht auf der Flucht.

Dachten wir.

Onkel Bengt und seine Frau Margareta erwarteten uns "gegen Abend" - das sind nach meiner privaten Zeitrechnung rund 18.00 Uhr - schaffen wir!

Dachten wir.

Unter minimalem Einsatz von etwas Gehirngrütze hätten wir zumindest auf die Idee kommen sollen, dass da wo weniger Einwohner beheimatet sind, die Straßen ebenfalls ein wenig... nun... "eingeschränkt" sind.

Ein weiterer Hinweis hätten uns folgende Bemerkungen sein können:

Hans, der Gastgeber von Villa Orrbacken:
"Was? Ihr wollt HEUTE noch bis nach Jokkmokk fahren?"

Bengt, mein Onkel:
"Du weißt schon, WO Jokkmokk liegt?"

Pah, Dilettanten!
Wir sind aus Deutschland und KÖNNEN lange Strecken auf Autobahnen fahren. Wir waren bestens im Bilde, hatten uns die Strecke auf der Karte angesehen... E4 bis Luleå, dann links ab auf die Schnellstraße nach Jokkmokk, fertig.

Dachten wir.

Frohen Mutes knatterten wir die E4 nach Norden und mussten bald lachen, weil auf jedem Hinweisschild lediglich "Haparanda" zu lesen war. Andere Städte, die durchaus auch nicht zu verachten klein waren, wurden überhaupt nicht erwähnt. Luleå, wo wir links abbiegen sollten, auch nicht. Schlicht "Haparanda" und dann ein Pfeil nach oben.

Niemals würde ich meinen Mann outen und berichten, dass er bis dahin dachte, dass Haparanda eine Stadt in Finnland sei, selbst wenn mir das extragut tat, weil ich sonst üblicherweise in unserer Familie das Geographieopfer bin. Dazu bin ich viel zu feinfühlig. Gut, Haparanda liegt zwar reichlich an der Grenze, aber Schweden ist Schweden ist Schweden. (Für Funny: In der Nähe von Kalix quasi :)  )

Wir fuhren auf der E4 und bei jedem Schild brummelten wir in tiefster Stimmlage "Haparanda" (müsst ihr mal machen, das klingt lustig!) und lachten glücklich. Im Radio dudelte die aktuellste Musik in Schweden, die Moderatoren berichteten launige Dinge... Entspannung pur! Urlaub eben.

540 km
530 km
520 km

Bald müsste es doch mit der Autobahn weitergehen? Gut, am Vorabend war uns schon aufgefallen, dass die E4 ab ca. Gävle dann doch ein wenig mehr Landstraßencharakter hatte, waren da aber noch der festen Überzeugung, dass das eine vorübergehende Erscheinung sei.

War es aber nicht!

Das, von dem wir gehofft hatten, dass es eine zumindest zweispurige, "schnelle" Straße sei, blieb größtenteils einspurig, ab und an durchbrochen von ca. 2 km zweispurigen Abschnitten, damit man zumindest die Oppas schnell überholen konnte, die mit konstanten 70 km/h vor einem her brummelten. Oppas scheint es überall zu geben, in Schweden allerdings in voller Tarnung, nämlich OHNE Hut. *rolleyes*

Zwischendrin führte die E4 nicht nur durch ganze Städte (mittendurch!), sondern auch über unzählige Kreisverkehre (!!) und Ampeln (!!). Entschuldigt die vielen Ausrufezeichen, aber ich konnte es echt nicht fassen.

Ich muss wohl zugeben, dass der Bau richtiger Autobahnen deutschen Ausmaßes auf großen Teilen der Strecke wirklich überflüssig wäre, weil uns manchmal über 15 min nicht ein einziges Auto begegnete. Dummerweise waren gerade diese Streckenabschnitte nicht selten mit einer lauschigen Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 oder sogar 50 km/h versehen. Pfoah, he.

Unser vormals lustiges "Haparanda" bei jedem Schild wurde immer leiser und als wir endlich "kurz vor Haparanda" bei Luleå links auf die "Schnellstraße" Richtung Jokkmokk abbiegen durften, glich unser letztes "Haparanda" eher einem Seufzen.

Was? Ihr denkt, an der Stelle wäre der Weg so gut wie geschafft gewesen?
Weit gefehlt.
Von Luleå nach Jokkmokk waren es noch gute 170 km.
Jaha. Supi.

Mittlerweile wurde es draußen dunkel und das Radioprogramm ging mir reichlich auf die Nerven. Mir war schon früher bei schwedischen Sendern aufgefallen, dass am Tag im Schnitt nur 15 unterschiedliche Lieder gespielt werden. Immer und immer wieder die gleichen. Auch die Berichte und Nachrichten wiederholen sich nach einer Weile. Gnah. Aber ganz ohne Geräusch wollten wir nicht fahren, denn dem Mann und mir war nun eher zum frustrierten Schweigen zumute.

Nachdem wir stundenlang gelernt hatten, was die E4 tatsächlich war, waren wir bei der Aussicht darauf, die restliche Strecke auf einer "Schnellstraße" zu verbringen, reichlich desillusioniert. Kann man vielleicht nachvollziehen. Immerhin war die Straße gut ausgebaut und weitestgehend schnurgerade. Ein Unterschied zur E4 war jedenfalls nicht ersichtlich.

Der Mann mutierte mit letzter Kraft zum Outlaw. Anstelle der streckenweise erlaubten 90-100 km/h wagte er sich an 110. Hm. Ich war zwar etwas nervös, sagte aber nichts, weil ich um jede Minute froh war, die wir früher ankommen würden. Mein Hintern brannte von der Sitzerei mittlerweile wie Feuer. Ich hatte definitiv keinen Bock mehr.

"TSCHUFF" ging es plötzlich und der erste PKW knallte links an uns vorbei.
Hö? Boah, da war aber einer schnell unterwegs! Wenn das mal keine 180 km/h waren. Krass.

"TSCHUFF"... "TSCHUFF"... "TSC..."
Wir wurden seriell von Autos überholt, deren Fahrer anscheinend sonst auf den Rennstrecken dieser Welt zuhause waren.

So ging es, bis wir endlichendlich am Haus meines Onkels ankamen. Die sind echt ein wenig bekloppt dort, wenn es ums Autofahren geht. Das stand nach diesen letzten 150 km definitiv für mich fest.

Edit:
Ein Gerücht sagt, dass in Schweden nicht ohne Vorwarnung geblitzt wird. Also mindestens ein Schild muss vorher vor dem Blitzer warnen. Höhö, sehr clever, oder? Aber darauf verlassen wollten wir uns dann lieber doch nicht. Weiß zufällig jemand von euch etwas Genaueres darüber?

Ich war heilfroh, als ich meinen Onkel und meine Tante endlich in den Arm nehmen und feste drücken konnte. Wir bekamen phantastisch gutes Essen und etwas Wein, im Haus war es schön warm (wir kamen von rund 18°C dort bei plusminusnull °C an - woah, kalt!), meine Welt war schnell wieder gerade.

Als ich meinem Onkel erzählte, wie wir uns den Weg dorthin vorgestellt hatten und wie es dann schlussendlich war, lachte er laut schallend und krachend. Er hat sich fast nicht mehr eingekriegt. Das war so ansteckend, da konnte dann sogar ich darüber lachen.

Edit Numero 2:
Wir sind übrigens eine recht lebhafte Familie. Wer mich schon einmal erlebt hat, weiß das. Das habe ich definitiv von meiner schwedischen Seite geerbt. Der Mann ist zwar etwas ruhiger, aber irgendwer muss das schließlich ausgleichen. Meine Tante übrigens auch. Sie ist eher leise, entspannt und summt manchmal völlig faszinierend vor sich hin. Sie ist besonders. Das steht fest. Aber dazu komme ich noch in aller Ruhe.

Da wir erst um halb neun überhaupt angekommen waren, blieben wir die erste Nacht im Haus meines Onkels. Am folgenden Tag sollten wir ausgesetzt werden... dort... wo Elch und Rentiere nachts heimlich Samba tanzen.

Ich war sehr gespannt und hatte wilde Träume.
Ihr wisst ja, dass ich mir unsicher war, ob und wie ich mit dieser anderen Art zu leben klar kommen würde. Aber ich sollte es bald erfahren.




Teilen