Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gespiegelt


Vor einigen Wochen kamen neue Teilnehmer in einen meiner Sportkurse am Montag. Drei Freundinnen mit extrem guter Laune, geschätzte Anfang 40. Es war nicht schwer, direkt zur Begrüßung einen ersten Draht zueinander zu finden. Eine war sehr, sehr, sehr schlank, eine war normal, eine war dick. Die dicke Frau war innerhalb dieser kleinen Gruppe die "Wortführerin". Lauteres Organ und eine Menge Scherzchen auf den Lippen. Offen und forsch zugleich. Lustig.

Wenn ich neue Teilnehmer vor mir stehen habe, nutze ich direkt die Gunst des Moments und frage nach, ob irgendwelche gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen (hatte schon fast alles... vom gewöhnlichen Nacken/unteren Rücken oder allgemeiner Unfitness, über "Bandscheibe", vorangegangene Krebserkrankung, Insulinpumpe, Herzschrittmacher, vorangegangenen Herzinfarkten bis hin zu transplantierter Niere - und ja, die machen immer noch Sport!). Das mache ich nicht vor der gesamten Gruppe, denn das ist nicht jedem angenehm. Unter vier Augen redet es sich offener.

Antwort in diesem Fall: Nein!
Bestens.

Ebenso weise ich bei der Gelegenheit darauf hin, dass der bestehende Kurs schon recht lange zusammen trainiert, man schön auf den eigenen Körper hören und für sich selbst entscheiden soll, wann man eine Pause möchte und welche Intensität der Übung man wählt (ich versuche immer, verschiedene "Härtegrade" anzubieten). Mir ist wichtig, dass sie sich a) nicht frustig fühlen, wenn es am Anfang nicht so gut läuft wie bei den anderen, und b) sie sich vor allem nicht komplett überfordern, sondern einfach auch mal z.B. auf der Stelle gehen, wenn es bei der Ausdauer zu viel wird, oder sich kurz zurücklegen und nach einer Pause wieder einsteigen, wenn die persönliche Grenze erreicht ist. Die persönliche Grenze ist eben sehr individuell. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Die Neuen nickten und verteilten sich im Raum. Einer fehlte die Matte und die dicke Frau rannte sofort los und organisierte ihr eine der Turnmatten, die sonst für den Schulsport da sind. Die kann man verwenden, wenn man die eigene Matte vergessen hat, die sind immerhin besser als auf dem blanken  Boden zu liegen. Sie schleifte die schwere Matte für ihre Freundin ruckzuck quer durch den Raum, wollte keine Hilfe.

Wir waren soweit. Die Stunde konnte beginnen.

Derzeit habe ich eine unglaubliche Schwäche für TABATA-Übungen. Sehr intensives Intervalltraining quasi. Muss man sich so vorstellen, dass man ein und dieselbe Übung jeweils 20 sek. lang macht, worauf 10 sek. Pause folgen. Dann wieder 20 sek. Anstrengung, 10 sek. Pause. Das machen wir pro Übung 6 x. Es folgt eine etwas längere Pause (ca. 1 Minute) bevor die nächste Übung mit 6 Durchgängen anschließt.

Junge, Junge, das kann richtig anstrengend werden, je nachdem, welche Übungen man dafür auswählt. Aber ich werde über Tabata separat schreiben, das führt zu weit. Vielleicht wollt ihr es mal ausprobieren? Meine Teilnehmer lieben es jedenfalls, auch wenn ihr euch das vielleicht gerade nicht so richtig vorstellen könnt. Ihr könnt ja googlen.

Jedenfalls waren nach der Tabata-Einheit alle reichlich fertig, da schließe ich mich übrigens nicht aus. Ich glaube, es gibt kaum eine effektivere Art, sofort fürchterlich ins Schwitzen zu kommen und den Puls in Wallung zu bringen...

Mir fiel jedoch bei den Übungen die dicke Frau erstmals auf. Sie hatte meine Ratschläge, es langsam anzugehen, komplett über Bord geworfen, wählte prinzipiell die anstrengendste Übungsversion und versuchte, mit denen, die schon lange im Kurs sind, mitzuhalten. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen übrigens, die sich durchaus abbremsten und die einfachere Version wählten, wenn es ihnen zu anstrengend wurde.

Sie wollte einfach richtig gut sein. Sie wollte nicht als "Dicke, die nix kann" auffallen. Ich überlegte kurz, ob ich sie abbremsen soll, entschied mich aber dagegen, weil ich sie damit erst recht aus ihrer Sicht in das "Zentrum der Kursaufmerksamkeit" gezogen hätte, indem ich zu ihr hingegangen wäre oder ihr etwas zugerufen hätte. Außerdem kam sie mir zuvor, sie musste mittendrin dringend auf ihr Handy gucken, weil ihr Sohn alleine Zuhause war und gab sich auf diese Weise gute 5 min. Pause.

Weiter ging es mit diversen Übungen auf der Matte. Jetzt wechselte ihre Taktik...

Kennt ihr diese Menschen, die ständig und immer Witzchen über sich selbst machen müssen? So war es auch hier, die dicke Frau war Meisterin des Wortgefechts...

"Wenn ich noch länger auf dem Bauch liegen bleibe, ersticke ich."
(Rückenübung in Bauchlage)

"Ich komm nicht hoch, weil mein Bauch mich nach unten zieht"
(Bauchübung in Rückenlage)

"Jetzt ne Tüte Chips auf dem Sofa. Das Leben könnte so schön sein!"
(Weiß nicht mehr in welcher Situation)

"Ich muss ja auch viel mehr Gewicht als ihr oben halten, meine Arme brechen gleich durch!"
(Übung im Armstütz)

"DIESE Übung kann sogar so ein Dickerchen wie ich!"
(Übung für die Beine)

usw.usf

Anfänglich fand ich das recht witzig. Da aber fast jede Übung entsprechend kommentiert wurde, nervte es mich bald richtig. Falsch, ich merkte sogar, dass ich innerlich zu schäumen begann. Mit jedem Satz ein wenig mehr. Nicht gut. Gar nicht gut.

"Herrje, halt doch mal endlich die Klappe und mach einfach. Wenn du was nicht kannst, dann kannst du es eben nicht. Dann mach die einfachere Version und quäl dich nicht selbst mit den harten Sachen. Schließlich kann man auch nicht ewigunddreiTage nix machen und dann meinen, man könnte aus dem Stand zur Olympiade im Bodenturnen antreten. Pfoah, he.", dachte ich.

Gesagt habe ich natürlich nichts.

Wisst ihr, ich habe einige in meinem Kurs, die mit diesem oder jenem Probleme haben. Ich kann mir zwar Namen sehr schlecht merken, aber ich denke, ich kann euch zu den meisten sagen, welche Probleme welche Übungen warum bereiten. Jedenfalls wenn sie schon mehr als nur einmal dabei waren. Ob schlank oder kräftiger, ob älter oder jünger... in der Regel kennen sie ihre Grenzen und üben entsprechend.

Sicherlich auch, weil ich während der Übungen zu der ein oder anderen, die sich schwer tut, hingehe, mich still daneben lege und mit ihr gemeinsam die geeignete Übungsversion aussuche. Wir überlegen kurz und probieren aus, was funktioniert und was eben nicht, und finden die richtige Strategie. Nicht selten stehe ich auch im Anschluss der Stunde in der Halle und wir besprechen das. Und da ich das bei allen früher oder später mache, hat auch niemand ein Problem damit.

Ich ging durch die Halle und wollte mich an die dicke Frau unauffällig heranpirschen. Vielleicht könnte ich sie ein wenig beruhigen? Unauffällig, indem ich zunächst eine Reihe anderer aufsuchte, und sie eben nicht direkt ansprang.

Aber als ich näher an sie heran kam, sah sie mich mit diesem speziellen Blick an.
Dieser Blick, der glasklar sagte: "Sprich mich bloß nicht an, ich tu doch alles, was ich kann. Bittebitte, geh einfach weiter." 

Und ich ging weiter, denn in dem Moment bekam ich fast einen Herzkrampf. Mir war schlagartig klar, dass mir diese dicke Frau ganz fürchterlich bekannt vorkam.

Mein Spiegel.
Ich war wie sie.
Sie war wie ich.
Damals.

Ich war der Wortführer - immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Ich war laut - nur die Harten kommen schließlich in den Garten.

Ich war die Fürsorgliche - anderen gut tun, um gemocht zu werden und eine "Daseinsberechtigung" zu spüren.

Ich war der Clown - denn wenn ich Witzchen über mich machte, kam ich anderen zuvor, die es sonst eventuell ausgesprochen hätten. Da ist es leichter erträglich, sich selbst zu beleidigen.

Ich wollte alles perfekt können - nur nicht auffallen!

Ich litt wie verrückt nach innen - immer und immer wieder.

Ich konnte nicht konsequent NEIN sagen - wenn ich etwas eigentlich nicht wollte.

Mittlerweile habe ich zwar abgenommen und dadurch hat sich vieles in meinem Verhalten geändert, was höchst wohltuend und entspannend ist. Und doch... in Spuren ist alles noch in mir... Der Wortführer, die Fürsorgliche, der Clown, die Perfekte zumindest - leise ist auch anders, jedenfalls bin ich es nicht (das mit dem "Nein-sagen" funktioniert schon deutlich besser und leiden ist definitiv gestrichen).

Sie sind Teil meines Ichs, haben sich über die Jahre ihres Vorhandenseins quasi ein Wohnrecht auf Lebenszeit ergattert. Aber wisst ihr was? Damit kann ich sehr gut leben. Denn das bin ich. Heute.

Ich hätte die dicke Frau gerne angesprochen, ihr von mir erzählt. Aber die Situation dazu war nicht die richtige, die Gelegenheit einfach falsch. Jetzt hoffe ich ganz dolle, dass sie wiederkommt (was ich allerdings aus der Erfahrung mit mir selbst damals nicht glaube), sich entspannen kann und wir irgendwann einmal den richtigen Moment finden können.

Oh man.

Mein Spiegel war da.
Ich war wie sie.
Sie war wie ich.
Damals.




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