Sonntag, 7. Dezember 2014

Lappland: Wenn der Berg ruft und ich die Finger mal aus den Ohren nehme

Ja, Anonym, du hast völlig recht mit deiner Kritik. Ich habe es schlicht vergessen bei meinem ganzen Huddel und Brassel. Entschuldige. Jetzt aber! Und ganz besonders für dich...

Bereits vor der Abreise hatte der Mann gründlich das Terrain studiert. Stundenlang schaute er auf Landkarten, im Internet und sonstewo nach geeigneten Wanderstrecken. Was einem direkt ins Auge fällt, wenn man einen Blick auf die Landkarte der Umgebung wirft, sind die Berge. Was meinem Mann dabei noch deutlicher ins Auge fiel, war der Berg Jarre. Da wollte er unbedingt hoch. Kleiner Haken in seiner Planung: MIT Mutti!



Hm.
Ihr wisst, dass ich nicht unbedingt die Wanderqueen bin. Mag manchen vielleicht so erscheinen, weil wir regelmäßig unterwegs sind, aber ich kann in Bruchteilen einer Sekunde eine beachtliche Liste an Beschäftigungen runterrabbeln, die ich deutlich lieber tue. 

Die "Krönung" von Wandern sind Berge. Bergauf ist doof - finde ich. Ich finde Berge auch üblicherweise überhaupt nicht schön oder sehenswert (alle Bergmenschen mögen mir verzeihen, mein Herz gehört dem Flachland und vor allem dem Meer). Aber manchmal lernt man im Leben dazu.

Der Jarre war nun auch noch reichlich bergauf. Nicht nur ein bisschen. Aber egal, ich saß bei der Planung im gemütlich warmen Wohnzimmer auf meinem gemütlich weichen Sessel und das führte dazu, dass die Milde meine Intelligenz abschaltete und ich versprach, mit ihm auf den Berg zu klettern. 

Als wir das erste Mal den Jarre auf dem Weg von Jokkmokk zum Haus passierten, tangierte mich das nicht sonderlich. Warum? Ich konnte ihn nicht sehen. Es war zu nebelig und der Berg verschwand einfach im Grau. Was ich nicht weiß, macht mich bekanntlich nicht heiß und daher kommentierte ich die Äußerung meiner Tante "Hier müsst ihr parken, wenn ihr auf den Jarre wollt, und dann geht ihr eben da rauf.." mit einem schlichten "Okay".

Schon am nächsten Tag wendete sich das Blatt. Als ich aka Fjälli-Pirelli die Straße nach Jokkmokk entlang preschte, wurde ich gründlich mit der Tatsache konfrontiert. Ja, das konnte man wohl mit Fug und Recht einen Berg nennen. Jetzt wollte ich erst recht nicht mehr da hoch!


Jarre - aus einigem Respektsabstand...


In den folgenden Tagen war das Wetter nach wie vor eher ungünstig und leicht nebelig. Darüber hinaus gab es viel anderes zu entdecken, daher keimte die leise Hoffnung auf, der Mann würde seinen Plan von der Bergbesteigung vergessen. 

Aber naja, ich hätte es besser wissen müssen, schließlich sind wir bereits seit 20 Jahren verheiratet. Wenn der Mann etwas beschlossen hat, dann hat er was beschlossen (ob ich will oder nicht, wurschtegal!). Aus der Nummer kam ich jedenfalls nicht wieder raus und daher ergab ich mich eines kühlen Morgens meinem Schicksal. Das Wetter war zwar nach wie vor nicht ideal, aber besser sollte es nicht mehr werden.

Wir parkten unsere Fjällkutsche einwandfrei am Fuße des Berges und liefen auf Schusters Rappen weiter. Entsprechend der Bitte des Mannes trug ich meine "BÄM-rote" Softshelljacke. Die Jagdsaison war zwar, soweit ich auf den offiziellen Seiten lesen konnte, für die meisten Tierarten abgeschlossen, aber was interessiert das im Zweifel einen echten Lappen? Wohl eher nix. Und ich kann euch versichern, dass einem ordentlich die Düse gehen kann, wenn man mitten im Nirgendwo steht und auf einmal hallen Schüsse um einen herum! Jepp, mehr als einmal! Zwar weiter weg, aber das könnte sich theoretisch schnell ändern. Wir wollten jedenfalls nicht unbedingt mit einem Elch verwechselt werden... 

Ich möchte darüber hinaus von Anfang an eure Sinne und euer Mitgefühl für mich insofern schärfen, dass ich euch bitte, zu registrieren bzw. zu beachten, dass es auf den Berg keinen echten WEG gibt. Wir waren in der Wildnis, nicht auf perfekten, deutschen Wanderwegen. Ab und an fanden wir ein Stück Trampelpfad, aber das war es auch schon. Meine Tante gab den Tipp: "Geht einfach hoch und wenn ihr über der Baumgrenze seid, rechts außen rum, dann zur Spitze. Fertig!" Aha.

Zunächst führte der Weg uns durch einen Wald. Den fand ich wohl sehr schön. Richtig urig. Da war der Trampelpfad noch recht gut sichtbar.





Dem Wald folgte ein kräftiger Anstieg, so dass wir schon bald die Baumgrenze passierten. An der Stelle musste man eine Pause machen. Nicht nur, um die Atmung wieder runterzuregeln, sondern in erster Linie wegen der atemberaubenden Aussicht!




Unfassbar, oder? Sach wat!

Weiter ging es. Je höher wir kamen, desto kälter und windiger wurde es. Das war reichlich unangenehm! Ich hatte jedoch glücklicherweise zufällig Handschuhe dabei und war dafür wirklich dankbar. So zogen wir Schritt für Schritt weiter voran, die Mütze (der Mann) bzw. die Kapuze (ich) tief über die Ohren gezogen. Es war derart kalt, dass mein Pulli Frost ansetzte. Dabei hatte ich darunter noch mehrere Schichten Klamotten an, dennoch schaffte es der warme Schweiß anscheinend an die kalte Oberfläche!




Überall lagen Köttel herum, wobei ich die eine "Sorte" eindeutig als Rentier-Hinterlassenschaft identifizieren konnte. Da gab es jedoch eine weitere Sorte, aber die sah schon so bedrohlich aus, dass ich gar nicht erst wissen möchte, welchem Tier die zuzuordnen war...

*LeiderhabenwirheutekeinKöttelfotofürdich!*

Ansonsten war der Mann schwer enttäuscht, denn die Tiere, die ER gerne gesehen hätte (Elch, Ren, Luchs, Bär, Wolf, blabla...) haben wir natürlich nicht gesehen. Dafür aber einen riesigen, weißen Hasen (nein, ich habe unterwegs keine merkwürdigen Beeren probiert und halluziniert) und Schneehühner. Das konnte meinen Trapper aber wenig trösten. 

Mir gefiel die Vegetation sehr. Sieht das nicht hübsch aus? Das waren so tolle Farben!




Auch wenn es mir nicht leichtfällt, muss ich zugeben, dass mir der Ausflug sehr gut gefiel. Die Landschaft war wirklich atemberaubend!

Ich setzte mich auf einen Fels und starrte, starrte, starrte. Dabei passierte etwas, was ich schon ewig nicht mehr erlebt habe, im Lapplandurlaub aber noch häufiger erleben sollte: Ich dachte an...

NICHTS!

Einfach gar nichts. Leerer Kopf, keinerlei "Nebengedankenrauschen". Befreit. Frei. Richtig frei! So fühlte ich mich dort. Wundervolles Gefühl, Genuss pur. Nur ich und die Natur, sonst nix. ♥




Irgendwann kamen wir auf dem Gipfel an. Steine, so weit das Auge sehen konnte. Jemand hat dort ein kleines "Gipfelhäufchen" angesammelt, wofür wir in dem Moment dankbar waren, denn das Häufchen war gleichzeitig der einzige Windschutz da oben.

Auf dem Foto erkennt man übrigens, dass der Mann zu dem Zeitpunkt meine Handschuhe geschnorrt hatte. Sonst wäre er gar nicht mehr in der Lage gewesen, zu fotografieren. Die Finger wurden ganz steif durch den kalten Wind.






Wir konnten uns kaum sattsehen und doch war es irgendwann Zeit für den Abstieg. 

Die clevere Mutti beschloss, eine Abkürzung nach unten zu suchen. Meine Tante hatte uns zwar geraten, außen rum zu gehen, aber warum eigentlich? Sah doch fast alles gleich aus und man hatte von oben eine recht gute Übersicht. Also preschte ich querfeldein voran...

Dumm dies!

Denn auf einmal hörte ich nur noch ein sattes *SCHLORCK* und steckte mit beiden (!) Füßen bis zu den Knöcheln im eiseiseiskalten Morast. Yeah, Daumen ganz hoch!

Kreischend versuchte ich durch den Morast hopsend aus der Situation rauszukommen. Ich schrie den Mann an: "HOL MICH HIER RAUS! Aaaaah! HILF MIR! Hol mich SO-FORT hier raus!" Der Mann lachte sich scheckig. Mein Auftritt hatte vermutlich deutliche Ähnlichkeit mit einem Rumpelstilzchendance. Ich war SO wütend. Und mit jedem Sprung versackte ich wieder und wieder im kalten Matsch. Es dauerte gefühlt ewig, bis ich den Rand des Sumpfgebiets erreicht hatte. 

Ehrlich?
Ich hab geheult vor Wut. Die Füße waren fies kalt. Das Auto war kilometerweit weg. Und der NochEhemann lachte, lachte, lachte (hätte ich in seiner Situation aber garantiert auch. Hust.). Wenn ich noch über ausreichend Energie verfügt hätte, wäre ich ihm hinterher gerannt und hätte ihm gründlich eine gehauen. Das könnt ihr mir aber glauben. Ich war außer mir!

Damit dieser Post einen gewissen Lerneffekt hat, zeige ich euch jetzt, die Bodenstruktur, die ihr UNBEDINGT umgehen solltet, wenn ihr im Fjäll wandert. Wenn das so aussieht, ist höchstwahrscheinlich viel Sumpf darunter. Damit meine ich vor allem diese gräulichen, höheren Gräser!




Mit schmatzendem Schuhwerk setzte ich meinen Weg tapfer fort. Allerdings ließ ich nun den Mann vorgehen. Hrmpf.




Erst als ich wieder auf einem halbwegs gut sichtbaren Trampelpfad war, habe ich die Spitze wieder übernommen. Es ist besser, VOR dem Mann zu gehen, weil der nämlich alle zweimeterfuffzich anhält, um ein Foto zu machen. Das ist ein wenig anstrengend, andererseits hätten wir sonst nicht so viele schöne Fotos.




Langsam näherten wir uns wieder der Baumgrenze. Davon wieder ein Bild, weil ich es gigantisch finde.




Es war ein ganz besonderer Ausflug und ich fand es bei weitem nicht so anstrengend, wie ich im Vorfeld befürchtet hatte. Das mache ich vielleicht wieder. Vielleicht. Mal gucken. Ich will hier nichts offiziell versprechen, denn der Mann liest mit und könnte ein Statement dieser Art irgendwann gegen mich verwenden.

Dennoch war ich unendlich froh, als wir zurück im Haus waren und ich meine Eisfüße am Bollerofen wiederbeleben konnte.

Das war er, mein allererster Berg.
:)

Als ich am nächsten Tag meiner Trapper-Tante ganz stolz von unserer Bergbesteigung berichtete, fragte sie: 

"Und was habt ihr da oben gemacht?"

Hö? Gemacht? 

"Die Aussicht genossen?"

"Wie? Habt ihr euch kein Feuer gemacht, einen Kaffee darauf gekocht und ein Stück Fleisch in die Pfanne geworfen?"

Ungläubig sah ich sie an...

Ja, das macht sie immer. Auf dem Weg durch den Wald sammelt sie ein wenig Holz ein, den Rest hat sie im Rucksack. Sonst ist das doch kein richtiger Jarre-Ausflug! Also echt. Dabei kann es dort oben doch so gemütlich sein.

Hm.
Okay.
Nächstes Mal machen wir das auch. 
Aus mir wird wohl nie ein echter Trapper. 





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