Donnerstag, 2. April 2015

Gewichtige Nachwirkung

Heute war das Wetter wunderschön. Zwar kalt und sehr windig, doch die Sonne schien fleißig. Also machten wir uns auf die Socken, auf unseren liebsten Wanderweg in Südschweden. Vom kleinen Hafen in Kattvik (der Ort mit DEM Stein) am Meer entlang, über und um einige - teils beachtliche - Klippen bis zum Restaurant bzw. Hotel Hovs Hallar (klickediklick), wo man um die Mittagszeit bei feinster Aussicht über das Meer wundervoll Lunch essen kann. 

Auf dem Rückweg geht es auf dem Klippenrücken durch ein bewaldetes Gebiet zurück, wirklich zauberhaft - aber es tut jetzt weniger zur Sache. Wer gerne die Fotos dazu sehen will, hier (klickediklick) habe ich schon einmal ausgiebig berichtet.

Die zweite Hälfte des Hinweges ist man fast vollständig auf losen, kullerigen Steinen unterwegs. Mir war das erste Stück des Wegs mulmig zu Mute. Ich brauchte eine Weile, um mich zu gewöhnen. Ganz komisch. Aber ich denke, dass das die meisten Menschen so empfinden, wenn sie dort gehen. Umgehend ziehe ich jedenfalls die Schultern zu den Ohren, verkrampfe fast und starre gebannt auf den Boden, während ich Schritt für Schritt möglichst bewusst setze. Nur nicht fallen, nur nicht umknicken! Das ist auf den ersten Metern sehr, sehr anstrengend, dann lässt es zum Glück nach.

Der Mann hingegen hopst über die Steine wie eine Gemse. ER hat dieses merkwürdige Gefühl gar nicht, versteht gar nicht, was ich damit meine. 

Tatsächlich klettere ich da fast lieber jede noch so steile Klippe hinauf! (Übrigens konnte ich gegenüber dem Vorjahr eine deutliche Verbesserung beim bergauf Gehen merken. Es zahlt sich anscheinend aus, dass ich meine Trainingseinheiten mit deutlich mehr Beinübungen spicke!)

Irgendwann bogen wir um die letzte Klippenecke, bevor es den Berg hinauf zum Restaurant geht. Dort ist ein großes Feld, wo Menschen Steine übereinander stapeln. Ein wunderschöner Anblick, das Meer im Hintergrund. Dazu das Geräusch der Wellen. Seufzend ließ ich mich auf einen Stein nieder.



Und da kam sie.
Wie eine Welle donnerte sie über mich.
Die Erinnerung.

Auf genau diesem Stein saß ich schon einmal! Vor vielen Jahren. 2009. Die Beine schmerzten, der Rücken kreischte, die Fußsohlen brannten und ich kämpfte gegen die Tränen, während die Kinder über die Klippen tollten, den einen großen Stein nach dem anderen mit ihrem Vater bestiegen und mir stolz von oben zujubelten.

"Guck mal, Mama!"

Ich versuchte zu lächeln, aber es wollte nicht so recht gelingen. Die Tränen rollten in Sturzbächen vor Traurigkeit und Schmerz. Ich hatte meine persönliche Grenze deutlich gefühlt überschritten, konnte nicht mehr. Wie gerne hätte ich mitgemacht! Aber ich war nicht in der Lage, auch nur einen Schritt weiter über diese kullernden Steine, diese Steigungen und Gefälle zu gehen. Ich hatte Angst, ich hatte Körper... fürchterlich Körper. Und noch fürchterlicher hatte ich deswegen Seele. 

Nein, so weit war der Weg damals noch nicht einmal. Lediglich vom Restaurant den wohl tatsächlich sehr steilen Weg runter bis ans Meer und dann gut 200 m über die Kullersteine, eben genau andersherum als wie wir ihn heute liefen. Für mich viel zu viel. Viel zu viel zu viel!

Ich erinnere mich, dass der Mann kam und mich fragte, was ich täte.

"Ich sehe mir die gestapelten Steine an. Das ist so ein wundervoller Anblick mit dem Meer im Hintergrund."

Er sah mir ernst ins Gesicht, suchte nach Spuren.

"Sag mal, weinst du?"

"Nein, ich vertrage nur den Wind nicht in den Augen. Das läuft von selbst." Tapfer versuchte ich ein Lächeln. Er lächelte zurück und sprang davon - zu den vor Freude quietschenden Kindern. 

Das lief heute vor meinem inneren Auge ab wie ein Film. Nein, mehr, denn es war in jeder Faser spürbar. Merkwürdiges Gefühl - Mitleid für mein damaliges Empfinden und gleichzeitig ein stolzes, tapferes Lächeln für mein heutiges Körpergefühl. 

Ob ich DAS jetzt gehen lassen kann?
Will ich das überhaupt?
Nachdenkliche Grüße!


Eure 
Annika






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