Sonntag, 2. Oktober 2016

Aus heiterem Himmel, mitten aufs Herz

Eigentlich hatte ich mich auf den Tag gefreut - den Tag, an dem mein "letztes" bzw. jüngstes Kind das Haus verlässt. Hatte ich ja sogar hier geschrieben. 

Ich mein.. Hand aufs Herz... natürlich liebt man in aller schöner Regelmäßigkeit seine Kinder abgöttisch, aber irgendwann ist der Gedanke, das Leben mehr oder minder ganz für sich zu haben, dann doch ganz nett. 

  • Niemand mehr, der - wo er/sie geht oder steht - ein Häufchen Krempel hinterlässt.
  • Morgens das Haus verlassen und es sieht noch genauso hübsch aufgeräumt aus, wenn du zurück kommst.
  • Weniger einkaufen (ihr wisst ja, ich gehe ü-ber-haupt nicht gerne Lebensmittel einkaufen).
  • Weniger Wäsche.
  • Kein Kochen mehr für verschiedene Ernährungsformen (die Tochter ist ja ein wenig wankelmütig - streckenweise vegetarisch, streckenweise LCHF, streckenweise bevorzugt Junkfood). Klar, ich hätte sagen können, dass das gegessen wird, was auf den Tisch kommt, aber ich finde, dass jeder ein Recht auf die Ernährung seiner Wahl hat, auch wenn es nicht meine ist... Das hat natürlich auch nicht Halt vor dem eigenen Haushalt gemacht. Wobei ich einmal echt sauer war - als die Dame plötzlich FETTARM essen wollte und Becel kaufte, was sie sich dann aber innerhalb von 2 Tagen anders überlegte, weil es nicht schmeckte und diese doofe (und nicht gerade preiswerte) chemische Schmiere in meinem Kühlschrank rumlungerte, bis sie - fast ungebraucht in den Müll wanderte.

Undundund...

Kinder sind toll, echt - aber sie kosten eben auch Nerven. Machen wir uns nix vor. 

Der Gedanke, mit dem Mann ein höchsteigenes und unabhängiges Leben leben zu können, erschien mir extrem reizvoll. Ebenso reizvoll der Gedanke, dass ich von 6 Uhr morgens (der Mann verlässt das Haus) bis 19 Uhr (der Mann kommt heim) meine Zeit fortan völlig frei einteilen kann. Gleichzeitig habe ich mich sehr für sie gefreut, dass sie sofort einen Studienplatz und fast genauso zügig eine wirklich gemütliche Wohnung gefunden hat. Ist ja eine total spannende Zeit, in der sie sich da befindet. Da passiert so viel.

Na ja - ich war jedenfalls positiv und offen und habe mich so gefreut, dass ich mich immer wieder genötigt sah, meine Freude anderen zu erklären, denen ich davon erzählte. Denn ich bin ganz sicher keine Rabenmutter, die ihre Kinder loswerden will.

Es ist eben einfach soweit.

Freitag war auch noch alles gut. Ich war den ganzen Tag mit ihr in der Wohnung und wir haben geputzt, damit für den Umzug alles "fresh" ist, haben ihr Geschirr eingeräumt, waren gemütlich im Studienstädtchen frühstücken und haben die erste Kühlschrankfüllung eingekauft - was man halt so macht. 

Gestern dann der Umzug. Ich blieb Zuhause, da der Sohn auch noch Geburtstag hatte und ich das Essen für den Abend vorbereiten wollte. Dazu musste ich etwas einkaufen, setzte mich ins Auto und fuhr los.

"Wish we could turn back time to the good old days..."

Aus der Automusikanlage dudelte "Stressed out" von twenty one pilots.

Und ich?
Ich fing an zu weinen.
Zu weinen.
Zu weinen.
Zu weinen.

Aus heiterem Himmel, mitten aufs Herz.

Und seitdem weine ich immer wieder.
Mir geht es nicht gut. 
Gar nicht gut.

Wurde nicht besser als die Musik im Edeka nachsetzte mit "Let her go" von Passenger. Sauber, Karma, sauber. Da hat aber jemand Spaß gehabt "da oben", was?

Hanna kam wieder mit zu uns, schließlich wollten wir den Geburtstag des Sohns feiern. Eine Übernachtung noch und am Sonntag dann "endgültig".

Ich kämpfte ständig gegen Halsklöße und verwischte Sicht an. Immer wieder. Das ging in Wellen, ganz von selbst.

Wenn es mir nicht gut geht, merken die wenigsten etwas davon. Dazu muss man mich schon ziemlich gut kennen. Meine Ausweichtechnik: Ungewöhnlicher Aktionismus, um mich abzulenken.

Bin ich beschäftigt, komm ich klar.

Und so begann mein Morgen heute damit, Wäsche zu waschen, die Spülmaschine auszuräumen, den Müll wegzubringen, die Schränke im Wohnzimmer einzeln auszumisten und auszuwaschen... Sonntags. 

Via Facebook erreichte mich in einer Pause datBea, die frisch aus dem Urlaub zurück ist und einfach mal hören wollte, was es Neues gibt. Ich erzählte zwar, dass das Mädchen auszieht, aber schwenkte schnell um. Schrieb von diesem und jenem.

"Und jetzt miste ich Schränke aus. Ich muss Ballast abwerfen."

Einzige Antwort der ansonsten doch recht gesprächigen Bea war:

"Hmmm hmmm"

Und ich fühlte mich so "ertappt", dass ich Facebook ausschaltete. Von ihr kam dann auch nichts mehr, wofür ich sehr dankbar bin. Sie kennt mich und weiß, dass ich nicht reden will. 

Einfach nur lassen.

Der Mann wusste natürlich, wo der Hammer hing - tröstete mich liebevoll immer wieder, aber das öffnete natürlich umgehend alle Schleusen. Für einen Moment Druck ablassen - das war dann doch sehr wertvoll. Es gibt Menschen, da kann ich das. Er ist so ein Mensch. Er ist der einzige Mensch, der mich wirklich trösten kann, glaub ich.

Als ich dann das gesamte Bad auf Links gedreht und die Fugen in der Dusche mit einer alten Zahnbürste bearbeitet hatte (Heureka, endlich wieder Platz auf der Ablage im Bad!) sagte das schlaue Tochterkind auf einmal zu mir:

"Oh weia, dir geht es nicht gut. Soviel aufräumen und putzen machst du nur, wenn es dir nicht gut geht. Das war auch so, als Piwi (Anmerkung: Unser Hund) gestorben ist."

Ertappt. Dabei wollte ich doch, zumindest vor ihr, stark sein. 

Warum ist das so?

Nein, das ist nicht nur die Tochter, auch wenn sie eins der wundervollsten Wesen auf dem Planeten ist - zu 99,9% gut drauf, super liebevoll und ultrawitzig. Wir haben generell so viel Spaß als Familie miteinander.

Das waren einfach zu viele Abschiede oder Veränderungen in diesem Jahr. Eindeutig.

Im Februar zog der Sohn aus.
Im Juni starb der weltbeste Hund.
Und jetzt der Auszug der Tochter.

Ein großer Abschnitt in meinem Leben geht zu Ende. Erinnerungen schießen hoch, eine nach der anderen. Ich hebe meinen Sohn in seiner Jeanslatzhose auf die Hüfte - er ist vier. Ich bastele Laternen zu Sankt Martin. Ich klebe Pflaster auf Schrammen. Ich sitze bei Lehrern. Ich liege zum Einschlafen neben meinem Baby, das daraufhin in nur fünf Minuten entspannt schläft. Und und und...



Dem Mann geht es übrigens genauso wie mir. Und nicht zuletzt steht natürlich auch für uns als Paar ein neuer Lebensabschnitt vor der Tür.

Irgendwann war "der" Abschied da - ich konnte mich nicht mehr bremsen. Mir tun jetzt noch die Augen weh. Nee, mehr sag ich dazu nicht. Aber ich musste das jetzt dringend mal rauslassen, vielleicht wird es dann besser? Nur schlucken und ablenken bringt irgendwie auch nix.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel geweint hab. Das ist ein gefühltes Leben lang her.

Ja, ich weiß, dass es noch viele weitere wundervolle Momente mit meiner Familie geben wird - dennoch ist das hier ein ordentlicher Schnitt.

Und Schnitte tun weh.
Bis sie heilen.

(Ist das jetzt meine Midlifecrisis?)

Jetzt am Schluss bleibt mir nur, das folgende Lied zu hinterlassen (warum auch immer das in mein Hirn gepoppt ist):














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